Pistole | dpa

Corona-Pandemie in den USA Mehr Waffen - und Sorge vor mehr Suiziden

Stand: 07.01.2021 11:23 Uhr

Seit der Corona-Pandemie verzeichnen Waffenhändler in den USA deutlich mehr Verkäufe. Viele Amerikaner haben Angst vor steigender Kriminalität. Mit der Zahl der Waffen steigt aber auch die Gefahr von Suiziden.

Von Claudia Sarre, ARD-Studio Washington

Kein Geld, kein Job, keine Perspektive: Vielen Amerikanern steht in diesen Wochen das Wasser bis zum Hals. Die Corona-Pandemie verschlimmert die Lage gewaltig. Psychologen rechnen mit einer drastischen Zunahme an Selbstmorden.

Claudia Sarre ARD-Studio Washington

Suizid-Hotlines verzeichnen viele Anrufe

Es gebe Belege dafür, dass die Selbstmordraten steigen, erklärt Brett Bass. Der 37-Jährige managt das Suizidpräventionsprogramm "Safer Homes, Suicide Aware" im Bundesstaat Washington. Viele Selbstmord-Hotlines verzeichneten derzeit ein hohes Anrufaufkommen, sagt er. Ursachen seien oft coronabedingte Isolation, Angstzustände und Depressionen.

Wir sehen fast einen perfekten Sturm an Risikofaktoren auf uns zurasen: der Lockdown in einigen Bundesstaaten, die steigenden Arbeitslosenzahlen, mehr Drogen- und Alkoholmissbrauch und zunehmende häusliche Gewalt. Typischerweise steigen bei derartigen Entwicklungen auch die Selbstmordraten. Wir nennen das Tod aus Verzweiflung.
Frau testet Schusswaffen | AFP

Immer mehr Amerikaner kaufen sich Waffen. Bild: AFP

Ansturm auf die Waffenhändler

Ein regelrechter Brandbeschleuniger dieser "Tode aus Verzweiflung" ist die Tatsache, dass sich immer mehr Amerikaner eine Waffe zulegen. Seit Beginn der Covid-19-Pandemie verzeichnen Waffenhändler einen regelrechten Ansturm auf Schusswaffen und Munition. Grund dafür ist nicht nur die Corona-Panik, sondern seit dem Tod von George Floyd auch Angst vor sozialen Unruhen, Plünderungen und Gewalt. "Die Leute fürchten sich davor, dass die Gesellschaft immer unsicherer wird. Sie kaufen die Waffen, um sich selbst zu schützen", sagt Bass.

Das Ganze ergibt einen unguten Cocktail. Denn es gilt die Gesetzmäßigkeit: Je mehr Waffen im Haus sind, desto leichter ist es, sich das Leben zu nehmen. Von den rund 40.000 Menschen, die jedes Jahr in den USA durch Waffengewalt sterben, hat die Mehrheit die Pistole selbst abgefeuert. Das Problem sei, dass eine Schusswaffe sehr effizient sei, sagt Bass. In fast allen Fällen führe ihr Gebrauch zum Tod.

Die Statistik zeigt, dass Waffenbesitzer nicht stärker selbstmordgefährdet sind als Nicht-Waffenbesitzer. Der große Unterschied ist die Tödlichkeit von Waffen.

Suizidpräventionsprogramme sollen Bewusstsein schaffen

Die meisten Menschen, die diese Form des Suizids wählen, seien weiße Männer zwischen 35 und 64 Jahren, erklärt Bass. Die höchsten Zahlen verzeichnen US-Bundestaaten wie Wyoming, Alaska und Montana. Das Ziel des Suizidpräventionsprogramms ist es, nicht etwa Waffenliebhabern ihre Gewehre und Revolver wegzunehmen, sondern Bewusstsein zu schaffen und Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Damit während psychischer Krisen der Zugang zur Waffe zumindest erschwert wird.

Anmerkung zur Berichterstattung über Selbsttötungen

Üblicherweise berichtet tagesschau.de nicht über Suizide. Wir orientieren uns dabei am Pressekodex: Demnach gebietet die Berichterstattung über Suizide Zurückhaltung: "Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt."

Ein weiterer Grund für unsere Zurückhaltung ist die erhöhte Nachahmerquote nach Berichterstattung über Selbsttötungen.

Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der anonymen Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner.

Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 www.telefonseelsorge.de