Eine Frau schießt auf einen pinken Papiergegner | Verena Bünten
Reportage

Frauen in USA bewaffnen sich "Ich will kein leichtes Ziel sein"

Stand: 13.02.2018 08:59 Uhr

Sie sind Hausfrauen, Unternehmerinnen, Rentnerinnen - und immer häufiger bewaffnet. Aus Angst vor wachsendem Rassismus rüstet die schwarze Mittelschicht in den USA auf - allen voran Frauen.

Verena Bünten ARD-Studio Washington

Von Verena Bünten, ARD-Studio Washington

Samstagvormittag in einem Vorort von Atlanta: Vierzehn schwarze Frauen aller Altersklassen sitzen dicht gedrängt in einem Workshop. Die wenigsten von ihnen hatten je eine Waffe in der Hand. Jetzt sind alle entschlossen, zu ihrer eigenen Verteidigung scharf schießen zu lernen. "Ich bin 68 und ich hätte nie gedacht, dass das nötig sein würde", sagt die zierliche Doris O'Neill, "aber in diesen Zeiten geht das nicht mehr anders". Die anderen nicken. "Das Ziel ist es, dass ihr die Waffe kontrolliert - und niemand euch", sagt Marchelle Washington, die Trainerin. Dann üben die gepflegten Ladies die richtige Handhaltung mit bunten Gummiattrappen.

Angst vor wachsendem Rassismus

Seit Februar bietet Marchell Schnupperkurse mit scharfen Waffen für Frauen an. Die 25-Jährige hat mit ihrem Geschäftsmodell einen Nerv getroffen: Ihre Wochenend-Workshops im ganzen Land sind binnen Tagen ausverkauft - zu 97 Prozent von schwarzen Amerikanerinnen. Die Nachfrage führt sie darauf zurück, dass sich gerade Frauen wieder von wachsendem Rassismus bedroht fühlen: "Viele Menschen sind jetzt offener mit ihrem Hass auf uns."

Für viele im Kurs war der Aufmarsch weißer Nationalisten in Charlottesville das endgültige Signal, dass Rassismus wieder offen gelebt wird in den USA. Teilnehmerin Katherine Jones bestätigt: "Seit Charlottesville bin ich mir nicht mehr sicher, ob uns die Polizei wirklich schützen wird. Wir waren lange waffenscheu, das muss sich ändern."

Frauen stehen in einem Schießstand | Verena Bünten

Zehn Schuss - und Zuspruch: Die Anspannung am Schießstand ist spürbar. Bild: Verena Bünten

Leichtfertig wirken die Teilnehmerinnen nicht, beim Praxisteil im Schießstand ist die Anspannung spürbar. Einatmen, ausatmen, abdrücken - mit scharfer Munition zielen die Damen auf pinke Papiergegner. Jede bekommt zehn Schuss - und wer braucht, auch Zuspruch von der Trainerin. "Hier hat das ganz gut geklappt, aber ob ich das im Ernstfall alles abrufen kann, wenn ich angegriffen werde?", fragt sich Rentnerin Marcia Atkins.

"Cool, wieder Rassist zu sein in Amerika"

Dass gerade Frauen sich bewaffnen, hat auch Philip Smith vollkommen überrascht. Der Geschäftsmann hat vor zwei Jahren die National African American Gun Association (NAAGA) gegründet, die erste landesweite Waffenorganisation gezielt für Schwarze. Allein in Atlanta wuchs die Zahl der Mitglieder von 5 auf 1000, die meisten davon sind Frauen. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der NAAGA-Regionalgruppen landesweit verzehnfacht.

Smith will keine Namen nennen, sieht aber einen Zusammenhang mit dem Wahlkampf und der neuen Regierung Trump: "Das politische Klima ist vergiftet, und das beginnt schon ganz oben. Es gab viele politische Äußerungen, durch die sich die falschen Leute ermutigt fühlen. Es ist offensichtlich wieder cool, Rassist zu sein in Amerika."

Marcia Atkins | verena Bünten

Rentnerin Marcia Atkins will sich schützen - zur Not mit einer Waffe. Bild: verena Bünten

Waffenbesitz für alle als US-Grundrecht

Beim Abschlussfoto präsentieren die Kursteilnehmerinnen stolz ihre pinken Papierzielscheiben mit den Einschusslöchern. Keine von ihnen kann nach dieser Kurzeinführung bereits richtig schießen, aber sie fühlen sich selbstbewusster. Die meisten von ihnen wollen wiederkommen, manche mit der eigenen Waffe. Rentnerin Marcia schaut sich nach dem Kurs im Waffengeschäft nach einem handlichen Damenmodell um. Als Kind hat sie hier in Georgia noch strikte Rassentrennung erlebt. So durfte sie zum Beispiel nicht die Bahngleise überqueren, hinter denen das Viertel der Weißen lag. Jetzt, mit 65 Jahren, will sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Waffe besitzen.

Noch mehr Waffen im gespaltenen Amerika - kann das gegen Rassenhass helfen? "Für uns als Minderheit sind Waffen ein rechtmäßiger Weg, uns gegen rassistische Angriffe zu verteidigen", findet Schießtrainerin Marchelle. Das amerikanische Grundrecht auf Waffen, auch Rentnerin Marcia will das für ihren Selbstschutz beanspruchen: "Ich habe nicht vor, ein leichtes Ziel zu sein."

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 14. November 2017 um 06:48 Uhr.

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KOMMENTARE

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Spirit of 1492 14.11.2017 • 06:08 Uhr

So so,...

...die NAARA... Hört sich ja fast an wie NRA. Aber während erste ja nur deshalb Waffen braucht, um sich gegen rassistische weiße Männer zu verteidigen, ist zweite eine Ansammlung von Waffennarren. Danke für die Aufklärung, liebe Tagesschau!