Eine Vietnamesin blickt auf die Namen der Opfer des My-Lai-Massakers. | Bildquelle: AFP

Vietnam-Krieg Als Soldaten Kindermörder wurden

Stand: 16.03.2018 09:34 Uhr

Vor 50 Jahren fallen US-Soldaten in das vietnamesische Dorf My Lai ein. Sie töten Kinder, vergewaltigen Frauen. Zunächst wird das Massaker vertuscht - doch dann gibt es dem Krieg eine Wende.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Im März 1968 befinden sich mehr als 400.000 US-Soldaten in Vietnam. Es ist eine entscheidende Phase dieses immer verlustreicheren Krieges. US-General William Westmoreland hat seinen Truppen eingeschärft, den Feind noch unnachgiebiger zu bekämpfen, um das Land vor den kommunistischen Vietcong zu retten.

Am Morgen des 16. März, heute vor 50 Jahren, werden 200 US-Soldaten mit Hubschraubern in der Nähe des kleinen Dorfes My Lai abgesetzt. Sie sollen dort Vietcong-Kämpfer aufspüren, doch wieder einmal sind diese wie vom Erdboden verschwunden.

"Das waren keine Soldaten mehr"

Im Dorf befinden sich nur Frauen, Kinder und ältere Männer. Die US-Soldaten sind frustriert. Was dann passiert, gilt heute als eines der schlimmsten Massaker, das Amerikaner je im Krieg verübt haben: "Das waren keine Soldaten mehr", sagt Hubschrauber-Pilot Hugh Thompson Jahre später in einem Fernsehinterview, "sondern Terroristen, die sich als Soldaten verkleidet hatten."

Als Thompson an jenem 16. März vier Stunden später mit seinem Hubschrauber eintrifft, um die Soldaten wieder abzuholen, traut er seinen Augen nicht: überall tote Frauen und Kinder, teilweise schrecklich entstellt, Babys, deren Körper von Kugeln durchsiebt wurden und Massengräber für ältere Dorfbewohner, die regelrecht exekutiert wurden.

In dem Dorf My Lai ist 1970, zwei Jahre nach dem Massaker, noch die Zerstörung zu sehen. | Bildquelle: AP
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Zerstörtes Gebäude in My Lai im Jahr 1970: Das Massaker wurde lange vertuscht.

Nie restlos aufgeklärt

Thompson versucht, zumindest die wenigen überlebenden Vietnamesen zu retten. "Doch sie waren entweder tot oder lagen im Sterben", erinnert sich Thompsons Bordschütze Lawrence Colburn: "Fast alle waren Frauen, Kinder oder Ältere. Da wussten wir, dass etwas völlig aus dem Ruder gelaufen war."

Wie es zu dem Massaker kommen konnte, das ist auch 50 Jahre danach nicht restlos aufgeklärt. Ein Jahr lang wird das Kriegsverbrechen vertuscht. Bis sich Ron Ridenhour, ein mutiger Soldat, in Briefen an den Kongress und das Pentagon wendet.

Vietnamesen besuchen die Gedenkfeiern zum My Lai Massakern. | Bildquelle: REUTERS
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Erinnerung an die Opfer: 50 Jahre nach dem Massaker von My Lai besuchen Vietnamesen die Gedenkfeiern.

Seymour Hersh deckt auf

Erst als der Hauptschuldige für das My-Lai-Massaker, Leutnant William Calley, nach einer internen Armee-Untersuchung wegen Mordes angeklagt wird, hat die Vertuschung ein Ende. Es ist der damals noch unbekannte Investigativ-Journalist Seymour Hersh, der die schrecklichen Ereignisse von My Lai veröffentlicht. Hersh ist überzeugt: "Es war der Mangel an Führung auf allen Ebenen, der es den Soldaten erlaubte, zu Tieren werden."

Hershs Berichte veränderten das öffentliche Meinungsbild über den Krieg in Vietnam. My Lai wurde zum Symbol für die Sinnlosigkeit eines Krieges, der aus jungen US-Soldaten Mörder von Frauen und Kindern macht.

Lt. William L. Calley Jr. steht neben einem Kriegsgegner-Poster in Fort Benning, | Bildquelle: AP
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Leutnant William Calley wurde nach dem Massaker verurteilt - später entschuldigte er sich für das Verbrechen.

Hausarrest statt lebenslang

Doch auch die rechtliche Aufarbeitung des Massakers war kein Ruhmesblatt. Als einziger der Beteiligten wurde der kommandierende Leutnant Calley verurteilt - zu lebenslanger Haft. Doch der damalige US-Präsident Richard Nixon ließ die Strafe in Hausarrest umwandeln. Und nach nur dreieinhalb Jahren durfte sich Calley wieder frei bewegen.

Erst fast 40 Jahre später, im Jahr 2009, entschuldigte sich Calley für seine Kriegsverbrechen. Der mittlerweile verstorbene Hubschrauber-Bordschütze Lawrence Colburn empfahl ihm damals in einem Radio-Interview, nach Vietnam zu reisen: "Er sollte nach My Lai zurückkehren und den Überlebenden ins Gesicht schauen und sich entschuldigen. Das wäre auch gut für ihn."

50 Jahre My Lai-Massaker - schlimmstes US-Kriegsverbrechen
Martin Ganslmeier, ARD Washington
16.03.2018 09:12 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. März 2018 um 09:10 Uhr.

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