Demo gegen Österreichs Regierung vor dem Kanzleramt in Wien | Bildquelle: dpa

Regierungskrise in Österreich "Heute ist ein Feiertag"

Stand: 18.05.2019 18:56 Uhr

Nach den Enthüllungen über Österreichs Vizekanzler Strache und seiner Rücktrittsankündigung versammeln sich seit dem Vormittag Tausende Menschen vor dem Kanzleramt in Wien. Sie forderten lautstark Neuwahlen.

Von Julia Schumacher, tagesschau.de, zzt. Wien

Am Wiener Ballhausplatz stehen sich Kanzleramt und Präsidentensitz direkt gegenüber, nur wenige Meter trennen die beiden historischen Gebäude. An diesem sonnigen Samstag ist der Ballhausplatz nicht nur symbolisch zum Ort der Konfrontation geworden - es ist laut und bunt.

Etwa 6000 Menschen haben sich nach Schätzungen der Polizei seit dem Vormittag hier versammelt. Ihre Forderung: "Neuwahlen jetzt, Neuwahlen jetzt." Ein Demonstrant ist immer noch schockiert von dem Video mit Vizekanzler Heinz-Christian Strache: "Wenn ich mir anschaue, was der Strache da sagt, muss man glauben, dass wir wirklich acht Millionen Debile sind, wenn wir hier nicht stehen."

Aus vielen politischen Lagern

Demonstranten schwenken große Europaflaggen, die Grüne Jugend ist hier, die Neos, ein Lautsprecherwagen der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ). Susanne Hofer, Vorsitzende der ÖGJ, ruft vom Dach des Lieferwagens die ersten Worte von "Bella Ciao" ins Mikro - dem italienischen Partisanenlied und Hymne der Arbeiterparteien.

Demonstration gegen Strache und die FPÖ in Wien | Bildquelle: REUTERS
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Anhänger verschiedener Parteien und Organisationen demonstrierten gemeinsam.

"Der heutige Tag ist ein Hoffnungsschimmer für eine bessere Politik und eine bessere Regierung hier in Österreich", sagt Hofer. Für sie sind die vielen Demonstranten auf dem Ballhausplatz ein klares Statement dafür, dass für die Menschen die FPÖ und der Regierung nichts zu suchen habe.

"Jetzt sieht man und hört man, wie die ticken"

"Ich bin hier, weil ich mich so freue, dass der endlich weg ist, der Strache", sagt eine junge Wienerin, nachdem S trache seinen Rücktritt bekannt gegeben hat. "Dass wir eine Veränderung haben in Österreich im positiven Sinne und nicht mehr einen rechtsradikalen Menschen an der Regierungsspitze, das freut mich. Wir sollten aus dem heutigen Tag einen Feiertag machen."

"Heute ist ein Feiertag", sagt auch ein anderer Wiener. Die Regierung findet er schon lange unerträglich. "Und dieses Video von gestern zeigt das wahre Gesicht, dass man sich aber sowieso schon gedacht hat. Jetzt sieht man und hört man, wie die ticken."

Die Hauptforderung: Neuwahlen

Weil man jetzt so deutlich sehen könne wie, "die ticken", finden viele, dass es nicht reicht, dass nur Strache zurücktritt und dann so weitergemacht wird wie vorher. "Die Leute sind da, weil sie nicht wollen, dass das jetzt nur am Strache und an der FPÖ aufgegangen wird, sondern dass hier grundsätzlich Dinge passieren", sagt ein Demonstrant. "Nur eine Person zu entfernen, das reicht nicht." Die FPÖ habe ein strukturelles Problem, findet er.

Deshalb liegen jetzt auch einige Erwartungen auf Kanzler Sebastian Kurz, der sich eigentlich schon um 14 Uhr äußern wollte. Je länger es dauert, desto lauter wird es auf dem Platz.

Warten auf das Statement

"Die Leute wollen, dass der Kurz da nicht wieder einfach drunter durch tauchen kann", sagt ein Wiener, der mit Kollegen spontan vor das Kanzleramt gekommen ist. "Die Hoffnung ist, dass er Neuwahlen ausspricht und die Koalition sprengt und einen Neustart macht. Aber er ist ja schon ein Sesselkleber, wie man in Wien sagen würde", sagt seine Kollegin.

Dass Kurz wegen Strache ein strategisches Risiko eingehen könnte, erwartet von den Demonstranten auf dem Ballhausplatz eigentliche niemand. Eher das Gegenteil: "Ich glaube, die Spindoktoren rotieren da drin", sagt ein Demonstrant und zeigt mit dem Finger auf das Kanzleramt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Mai 2019 um 17:00 Uhr.

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