In Caracas laden Menschen ihre Handys an einem öffentlichen Stromgenerator. | Bildquelle: REUTERS

Venezuela Kein Strom, kein Wasser - "Es ist ein Desaster"

Stand: 27.03.2019 17:56 Uhr

Bereits zum zweiten Mal in diesem Monat erlebt Venezuela einen mehrtägigen Stromausfall. In der Bevölkerung steigt die Wut, die Hitze ist kaum zu ertragen. Am schlimmsten trifft es die Kranken.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt, zzt. Maracaibo

Wütende Einwohner von Maracaibo blockieren die Stadtautobahn, weil sie seit Monaten ohne Wasser leben müssen - und jetzt ist auch noch der Strom weg. Seit 24 Stunden funktioniere nichts mehr, schimpft Karolina Vera, eine Enddreißigerin mit Kleinkind an der Hand. "Seit gestern ist der Strom weg. Ich kann mir vorstellen, dass es auch dieses Mal lange dauern wird, bis er wieder kommt. Es wird immer schlimmer! Kein Wasser, kein Strom. Irgendwie überleben wir." Manchmal, wenn sie Geld habe, gebe es nichts zu kaufen. "Und wenn es etwas gibt, ist es in der Hyperinflation zu teuer. Es ist ein Desaster."

Das ist einer von vielen kleinen Protesten, die in der Millionenstadt am Maracaibo-See wegen der unerträglichen Versorgungssituation täglich stattfinden. Ohne Strom steigt die Wut, weil die Menschen die feuchte Bruthitze von fast 40 Grad kaum ertragen.

Karolina Vera | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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"Irgendwie überleben wir", sagt Karolina Vera - aber die Situation werde immer schlimmer.

"Hier ist es häufiger dunkel als hell"

Im Viertel der Fischer am Ufer des Sees findet das Leben auf der Straße statt. Da ist es weniger stickig als in den Häuschen, in denen die Klimaanlagen stillstehen. Weil auch die Kühlschränke ohne Strom nicht funktionieren, können die Fischer ihren Fang nicht lagern und verkaufen. Joan Soto legt die Fische in Salz ein, um sie dann in der Sonne zu trocknen und haltbar zu machen. "Wir kennen das schon", sagt er. In Venezuela seien Stromausfälle nichts Neues." Hier ist es häufiger dunkel als hell. Strom gibt es nur noch rationiert und er kommt immer seltener. Der Rückschritt des Landes wird immer extremer. Uns geht es schlecht - und zwar allen."

Am Seeufer vertreiben sich die Kinder die schulfreie Zeit. Wegen der Stromausfälle gehen sie immer weniger in die Schule.

Kilometerlange Schlangen vor den Tankstellen

Am härtesten trifft der Stromausfall die Kranken: Vor einem Zentrum für Nierenkranke warten seit Stunden Dutzende Menschen darauf, dass vielleicht ein Generator geliefert wird, damit die Dialysegeräte wieder laufen. Vor knapp drei Wochen, als ganz Venezuela fünf Tage lang keinen Strom hatte, seien in Maracaibo fünf Patienten gestorben, berichten sie - weil sie keine Dialyse bekamen.

Margarita Avila | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Margarita Avila wartet auf eine Behandlung - ob es an diesem Tag klappt, weiß sie noch nicht.

Margarita Avila hat Angst, dass sie heute umsonst hier ist. Ihr Körper ist bereits geschwollen und sie hat Atemprobleme. "Ich brauche dringend die Dialyse", sagt sie. "Wegen der Stromausfälle und weil es kein Wasser gibt und alles zusammenbricht, geben sie uns hier kürzere Blutwäschen als früher. Es soll für alle reichen, deshalb bekommen wir nur zwei Stunden statt dreieinhalb."

Ein Stromgenerator könnte Leben retten. Aber selbst wenn es einen gibt, ist die nächste Herausforderung, Benzin dafür zu beschaffen. In Maracaibo sind die Schlangen vor den Tankstellen kilometerlang - weil die Pumpen ohne Strom nicht funktionieren und weil Benzin im Ölförderland immer knapper wird. Der Ausnahmezustand ist Normalität geworden.

Venezuela - Leben ohne Strom
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko-City
27.03.2019 08:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 27. März 2019 um 09:22 Uhr.

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