Eine Frau aus Venezuela in der peruanischen Grenzstadt Tumbes | Bildquelle: AP

Venezuelas Nachbarstaaten Grenzen sollen offen bleiben

Stand: 06.09.2018 09:17 Uhr

Die Krise in Venezuela erfordert auch von den Nachbarstaaten Kraftanstrengungen: Allein Kolumbien hat mittlerweile 800.000 Menschen aufgenommen. Die Grenzen sollen offen bleiben.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Südamerika

Es ist das erste Mal, dass sich die Staaten Lateinamerikas gemeinsam an einen Tisch gesetzt haben, um über das dringendste Problem der Region zu sprechen. Am Ende stand eine klare Botschaft: "Der Wunsch ist es, die Venezolaner, die in ihrem Heimatland eine schwierige Situation erleiden, weiterhin mit offenen Armen zu empfangen", sagte Perus Vertreter Enrique Bustamente bei dem Treffen in Ecuadors Hauptstadt Quito.

Die Grenzen für Flüchtlinge aus Venezuela sollen offen bleiben, das haben die elf teilnehmenden Nationen festgehalten. Bolivien, das mit Venezuela verbündet ist, hat nicht unterzeichnet. In den vergangenen vier Jahren haben mehr als zwei Millionen Venezolaner ihr Heimatland verlassen. Die genauen Zahlen schwanken, weil niemand sagen kann, wie viele illegal über die grüne Grenze nach Kolumbien oder Brasilien ausgewandert sind. Fest steht nach den Worten von Chiles Vertreter Raul Sanhueza aber für alle:

"Entweder wir meistern diese Krise alle gemeinsam, denn es ist die größte Krise, die diese Region je erlebt hat, oder niemand von uns kann sie stemmen, ohne selbst Schaden zu erleiden."

Ausreise auch ohne gültige Pässe

Nachdem zuvor mehrere Länder die Einreisebestimmungen verschärft hatten, einigten sich die Staaten nun darauf, auch abgelaufene Ausweisdokumente an ihren Grenzen zu akzeptieren. Für Venezolaner ist es derzeit unerschwinglich bis unmöglich, in ihrem Heimatland Pässe zu beantragen. Dazu sollen Informationen zu den Geflüchteten in einer gemeinsamen Datenbank erfasst werden. Gleichzeitig appellierten die Staaten an die internationale Gemeinschaft, die oftmals selbst armen Länder zu unterstützen.

Menschen an einem Grenzübergang zwischen Venezuela und Kolumbien | Bildquelle: dpa
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Menschen gehen in La Prada über die Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela. Manche Venezolaner kehren abends in ihre Heimat zurück. Andere gehen den Weg weiter in den Süden.

Kraftakt für die Nachbarländer

Kolumbien beispielsweise hat als direkter Nachbarstaat mit 2000 Kilometer gemeinsamer Grenze bereits mehr als 800.000 Venezolaner aufgenommen. Der Direktor der kolumbianischen Migrationsbehörde Christian Krüger erklärte: "Die finanzielle Unterstützung ist fundamental. Unser Engagement erfordert enorme Kosten. Allein im vergangenen Jahr hat unser Gesundheitssystem 80.000 Notfälle von Venezolanern behandelt, 30.000 Kinder in unser Schulsystem und die Armenspeisung integriert. Wir haben nicht die Kapazitäten, dies unbegrenzt weiter machen zu können."

Neben einer enormen Solidarität war es in diesen Monaten immer wieder zu fremdenfeindlichen Übergriffen auf Venezolaner gekommen, besonders in Brasilien und den Karibikstaaten, erklärte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Sie warnte außerdem davor, dass die Flüchtlinge besonders leicht zu Opfern von Menschenhändlern, von Ausbeutung und Missbrauch oder der Rekrutierung durch kriminelle Gruppen werden.

Tamara Taraciuk von Human Rights Watch begrüßte die Erklärung aus Quito, forderte aber eine noch klarere Strategie mit handfesten Bestimmungen: "Was wir fordern, ist eine Art regional gültige, temporäre Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Denn was die geflüchteten Venezolaner am dringendsten wollen, ist arbeiten, um sich und ihrer Familie ein neues Leben zu ermöglichen, Geld nach Venezuela zu schicken und die Familie zu sich zu holen."

Venezuela bewertet Erklärung als Schande

Venezuela steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Hyperinflation, Versorgungsknappheit und Verfolgung lassen immer mehr Menschen auswandern. Die venezolanische Regierung bestreitet dagegen, dass es ein Flüchtlingsproblem gibt. Die gemeinsame Erklärung der Nachbarstaaten sei eine Schande, erklärte der Vorsitzende der verfassunggebenden Versammlung, Diosdado Cabello: "All das sind Worte, eines mehr, eines weniger in dieser Erklärung. Aber was sie wollen, ist, um Geld zu bitten."

Grenzen für Flüchtlinge aus Venezuela sollen offen bleiben
Anne Herrberg, ARD Buenos Aires
06.09.2018 16:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 06. September 2018 um 09:20 Uhr und 11:19 Uhr.

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Anne Herrberg, BR

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