Menschen in Cucuta an der Grenze Venezuela-Kolumbien | Bildquelle: AFP

Krise in Venezuela Medikamente nur aus der Straßenapotheke

Stand: 19.02.2019 06:46 Uhr

Nicht nur Lebensmittel fehlen - auch wegen Medikamenten nehmen viele Venezolaner den beschwerlichen Weg nach Kolumbien auf sich. Illegale Straßenapotheken machen dort große Geschäfte.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Der Markt beginnt gleich hinter der Grenzbrücke. Eine junge Frau hält Blister mit Paracetamol-Tabletten hoch, 500 Milligramm, selbst diese gängigen Tabletten gebe es in Venezuela ja nicht mehr. Noch bevor die ersten Stände mit Lebensmitteln kommen, umschwärmen Medikamenten-Verkäufer die Tausenden Menschen, die jeden Tag zu Fuß aus Venezuela herüber in die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta kommen.

Straßenapotheker wie Ubaldo bieten alle möglichen Tabletten an - aber auch Tropfen und Injektionslösungen. "Die Venezolaner kaufen dies Medikamente, denn in Venezuela ist es sehr schwer, sie zu bekommen, oft gibt es sie gar nicht mehr, und wenn es sie gibt, dann zu völlig überhöhten Preisen", erzählt er.

Juan Guaido | Bildquelle: AP
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Seit mehr als einer Woche stehen an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze Hilfslieferungen bereit. Das Militär lässt sie aber nicht passieren - trotz der Appelle von Interims-Präsident Guaidó.

Ohne Verpackung und ohne Beipackzettel

Die Pillen aus der Straßenapotheke sind vergleichsweise billig. Aber niemand weiß genau, was er hier auf dem informellen Markt von Cúcuta kauft. Meistens werden die Tabletten ohne Verpackung - und natürlich ohne Beipackzettel - angeboten. Im besten Fall sind die Medikamente abgelaufen, im schlimmsten Fall gefälscht, gepanscht oder gestreckt.  

Trotzdem verkaufen sich die zweifelhaften Arzneimittel gut - denn sie sind billig, günstiger als in normalen Apotheken und natürlich viel günstiger als in Venezuela. 60 Cent kosten 30 Paracetamol-Tabletten, ein Sechstel des üblichen Apotheken-Preises in Kolumbien.

Auch Impfstoffe fehlen

Der frühere Gesundheitsminister Alejandro Gaviria spricht von einer regelrechten Mafia, die gefälschte Medikamente verscherbelt. Aber der Mangel in Venezuela sei zu groß, sagt Maria, die eben über die Brücke gekommen ist: "Es gibt für Neugeborene nicht einmal mehr Impfstoffe, die ein Kind braucht. Die Mütter müssen dafür hierher kommen."

Und deswegen machen sich Menschen, die dringend auf Medikamente angewiesen sind, auf den beschwerlichen und durchaus gefährlichen Weg nach Kolumbien. So wie Giovanni Plaza: "Ich bin HIV-positiv, in Venezuela wäre ich fast gestorben, denn es gab weder genügend Nahrung noch die Medikamente gegen das Virus."

Trump und Frau Melania auf einer Veranstaltung mit Venezolanern in Miami | Bildquelle: AFP
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Auch US-Präsident Trump schaltete sich erneut in den Konflikt ein: Bei einer Veranstaltung für Venezolaner in Miami forderte er das venezolanische Militär auf, sich Guaidó anzuschließen.

Hoffnung setzt er auf die Hilfsgüter, die derzeit an der Grenze ankommen. Allein hier in Cúcuta sind mittlerweile drei Frachtflugzeuge gelandet. An Bord: echte Medikamente, Hygieneartikel und Nahrungsmittel. "Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass sie etwas tun, dass man das Land wieder aufbaut, dass sie diese humanitäre Hilfe schicken, die wir wirklich dringend brauchen", sagt Giovanni.

Guaidó will Ende der Blockade

Doch die Tienditas-Brücke, ein paar Kilometer südlich von Cúcuta, über die Lastwagen fahren könnten, ist nach wie vor blockiert. Nur Fußgänger können über zwei kleinere Brücken die Grenze passieren. Staatschef Nicolás Maduro nennt die Hilfslieferungen eine Show, die dazu beitragen soll, ihn zu stürzen. Übergangspräsident Juan Guaidó hat der Regierung bis Samstag Zeit gegeben, die Hilfsgüter ins Land zu lassen. Sonst will er versuchen, die Blockade zu durchbrechen und die Hilfsgüter von Freiwilligen im ganzen Land verteilen zu lassen.

Kolumbien – Illegale Straßenapotheken blühen an der Grenze zu Venezuela
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
19.02.2019 05:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. Februar 2019 um 11:08 Uhr.

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