In Salt Lake City macht ein Banner auf das Duell der Vizepräsidentschaftskandidaten aufmerksam | Bildquelle: AP

US-Vizepräsident Nummer Zwei im Rampenlicht

Stand: 07.10.2020 20:12 Uhr

Pence oder Harris - ihr TV-Duell zieht große Aufmerksamkeit auf sich, weil die künftige Nummer Zwei schon bald die Nummer Eins werden könnte. Ohnehin kommt es in entscheidenden Situationen auf den Stellvertreter an.

Von Reinhard Baumgarten, SWR

Der Posten des US-Vizepräsidenten ist "das bedeutungsloseste Amt, das jemals von Menschen ersonnen wurde". Das Zitat stammt von John Adams. Von 1789 bis 1797 war er der erste Vizepräsident der Vereinigten Staaten. Er litt offenbar gehörig unter dem langen Schatten von Präsident George Washington.

Doch seitdem hat sich vieles verändert. Das Amt des Vizepräsidenten ist bedeutender, inhaltsreicher und auch wichtiger geworden. Wie einflussreich ein Vizepräsident ist, hängt entscheidend von der Persönlichkeit des Amtsträgers ab.

Und natürlich davon, wie viel Raum die Nummer Eins im Staate der Nummer Zwei zugesteht. Vizepräsident Mike Pence gilt als ruhig, leise und unauffällig. Regierungskritische US-Medien zeichnen mitunter das Bild eines Donald Trump ergebenen willfährigen Ja-Sagers. Der Präsident hatte ihn zuletzt im Frühjahr zum Leiter der Corona Task Force gemacht - eine Position, die angesichts von mittlerweile 210.000 Toten in Zusammenhang mit Covid-19 eine erhebliche Bürde für Pence sein dürfte.

Betagte Frontrunner Trump und Biden

Der Vizepräsident wird laut Verfassung zur Nummer Eins im Staate, wenn der Präsident stirbt, abdankt, durch ein Amtsenthebungsverfahren seinen Posten verliert oder so schwer erkrankt, dass er seinen Job nicht mehr machen kann. Trump ist übergewichtig, er leidet an Bluthochdruck und ist an Covid-19 erkrankt. Wie es tatsächlich um seinen Gesundheitszustand steht, erfährt die Öffentlichkeit nicht.

Am Dienstag verließ Trump das Walter Reed Army Medical Center. In dem Krankenhaus musste sich sein Herausforderer Joe Biden Ende der 1980er-Jahre zwei komplizierten Gehirnoperationen unterziehen. Trump ist 74, Biden wäre bei einem möglichen Amtsantritt im Januar kommenden Jahres 78. Nie waren die Bewerber um das mächtigste Amt der Welt älter und die Spekulationen über ihren körperlichen Zustand größer.

Die Wahrscheinlichkeit erscheint deshalb dieses Mal relativ hoch, dass die kommende Nummer Eins durch ihre jeweilige Nummer Zwei in absehbarer Zeit ersetzt werden könnte. Daher kommt dem Fernsehduell der Kandidaten Mike Pence und Herausforderin Kamala Harris so große Bedeutung zu.

Die Residenz des US-Vizepräsidenten in Washington D.C. | Bildquelle: picture alliance/AP Images
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Der Vizepräsident hat zwar auch ein Büro im Weißen Haus, seine Residenz ist aber in einem eigenen Gebäude untergebracht.

Vizepräsidentenamt wurde immer wichtiger

Das Vizepräsidentenamt ist seit den Zeiten von John Adams politisch erheblich aufgewertet worden. Der zweite Mann im Staate ist Präsident des Senats und kann dort bei einem Patt die entscheidende Stimme abgeben - zum Beispiel auch bei Abstimmungen über ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten. Seit 1933 nimmt der Vizepräsident regelmäßig an Kabinettssitzungen teil. Seit 1961 hat er ein eigenes Büro im Weißen Haus.

Achtmal stiegen Vizepräsidenten bislang während einer Legislaturperiode zur Nummer Eins im Staate auf, nachdem die gewählten Präsidenten entweder gestorben oder ermordet worden waren. Gerald Ford wurde 1974 Präsident, weil Richard Nixon wegen der Watergate-Affäre zurücktreten musste. Der 61-jährige Mike Pence ist der 48. Vizepräsident der USA. Die 56-jährige Kamala Harris wäre die erste Frau in diesem Amt.

Balanceakt zwischen Loyalität und persönlicher Ambition

Präsidentschaftskandidat und Vizepräsidentschaftskandidat treten im Wahlkampf in der Regel als ein sich ergänzendes Tandem auf, das ein möglichst breites Spektrum innerhalb ihres politischen Lagers abdeckt. Der evangelikale Christ Mike Pence stellt für Präsident Trump eine wichtige Verbindung zum religiös-konservativen Lager her. Kamala Harris soll im demokratischen Lager das linke, farbige und feministische Spektrum ansprechen.

Beide stehen vor einer sehr ähnlichen Herausforderung: Sie müssen sich als nützliche "running mates" ihrer Präsidentschaftskandidaten erweisen und Positionen vertreten, die ihrer jeweiligen Nummer Eins entsprechen. Gleichzeitig müssen sie einem Millionenpublikum signalisieren, dass sie gegebenenfalls das Präsidentenamt aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation und persönlichen Eignung ausfüllen und eine Nation führen können.

Fünf Vizepräsidenten haben es übrigens geschafft, selbst Präsident zu werden. John Adams, die erste Nummer Zwei, schaffte 1797 als den Sprung an die Spitze und beerbte damit George Washington. Viele, wie zuletzt Al Gore im Jahr 2000, scheiterten beim Versuch, ins Weiße Haus umzuziehen. Wem der Sprung nach ganz oben misslang, fiel nicht ins Bodenlose. Er wurde Senator, Gouverneur, Minister, Behördenchef, reüssierte in der Wirtschaft oder wurde Privatier. Mike Pence hätte bei einer Wahlniederlage an der Seite Donald Trumps also viele Möglichkeiten. Wie Harris kann er so oder so schon die nächste Wahl 2024 ins Auge fassen.

Joe Biden und Kamela Harris im September 2019 | Bildquelle: AFP
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Joe Biden und Kamala Harris wollen an die Spitze. Sie ist 21 Jahre jünger als er und könnte Amerikas erste Präsidentin werden.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 07. Oktober 2020 um 20:06 Uhr.

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