Wähler in Washington benutzt Wahlcomputer | Bildquelle: SHAWN THEW/EPA-EFE/Shutterstock

Wahlmaschinen in den USA "Leicht zu knacken"

Stand: 03.11.2020 12:40 Uhr

Die Wahlinfrastruktur der USA ist vielerorts veraltet und fehleranfällig. Hacker könnten deshalb leichtes Spiel haben - und die amerikanische Demokratie ins Chaos stürzen.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Als auch die Verlängerung der Zwischenwahlen in Florida abgelaufen war, bemerkten die Offiziellen des traditionellen Swing States im Südosten der USA, dass sie ein Problem hatten. Auch zehn Tage nach dem Wahltag am 6. November 2018 waren die Ergebnisse der wichtigen Abstimmungen um das Gouverneursamt und einen Senatssitz des Staates noch nicht entschieden. Eine Neuauszählung der rund 8,1 Millionen abgegebenen Stimmen durch einen erneuten Durchlauf der Wahlmaschinen hatte keine endgültige Klarheit gebracht. Umso besorgniserregender war jedoch ein anderes Ergebnis: Die Zahl der ausgezählten Wahlentscheidungen hatte sich zwischen dem ersten und dem zweiten Durchgang spürbar verändert. Rund 3000 Stimmen waren plötzlich verschwunden.

Dass es bei Neuauszählungen zu kleineren Abweichungen kommt, ist völlig normal. Doch die große Zahl der verschwundenen Stimmen machte Beobachter zunächst unruhig. Zwar stellte sich bald heraus, dass die Differenz nicht durch menschliche Manipulation zustande gekommen war, sondern durch technisches Versagen - überhitzte und veraltete Wahlmaschinen hatten schlicht den Geist aufgegeben - doch die Episode diente als weiteres Warnsignal, dass die Wahltechnik der ältesten Demokratie der Welt enorme Schwächen aufweist. Schwächen, die nicht nur zu Pannen führen, sondern auch als Einfallstor für Hacker dienen können.

Wähler in Round Lake Park (US-Bundesstaat Illinois) geben ihre Wahlunterlagen in einen Wahlmaschine ein. | Bildquelle: TANNEN MAURY/EPA-EFE/Shutterstoc
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Neue Wahlmaschinen sind teuer. Ohne finanzielle Hilfe des Bundes wird das Problem bleiben.

Angriffe in allen 50 Bundesstaaten

Es ist eine Vorstellung, die Sicherheitsexperten mittlerweile seit Jahren Sorge bereitet: Was, wenn sich ein kriminelles Netzwerk oder eine fremde Macht Zugriff auf das amerikanische Wahlsystem verschafft? Könnten sie den Ausgang der Abstimmung über die US-Präsidentschaft manipulieren? Entscheidet im schlimmsten Fall nicht das amerikanische Volk über das Staatsoberhaupt, sondern ein ausländischer Geheimdienst? Und was sagt es über die Legitimität des Wahlergebnisses aus, wenn die Bevölkerung dem Prozess nicht mehr trauen kann?

Dass die Gefahr eines Hacks nicht abstrakt ist, hat die US-Regierung in den vergangenen Jahren schmerzhaft feststellen müssen. Gleich mehrere Ermittlungen kamen zu dem Ergebnis, dass der russische Geheimdienst 2016 das amerikanische Wahlsystem ins Visier genommen hat. Laut Sonderermittler Robert Mueller drangen russische Agenten unter anderem in das Wählerregistrierungssystem des Bundesstaats Illinois ein und hatten so Zugriff auf die Daten von rund 500.000 Wählerinnen und Wähler.

Im selben Jahr schickten russische Hacker Phishing-E-Mails an den Hersteller einer Wahlsoftwarefirma, die unter anderem in Counties in wichtigen Swing States wie Florida und North Carolina eingesetzt wird. Im vergangenen Jahr kam der Geheimdienstausschuss des US-Senats zudem zu dem Ergebnis, dass russische Hacker die Wahlinfrastruktur in allen 50 Bundesstaaten angegriffen hatten. Hinweise darauf, dass sie Ergebnisse manipuliert hätten, gibt es nicht.

Flickenteppich an Wahlmaschinen

"Ich glaube nicht, dass es sonderlich schwierig ist, sich Zugang zu einer Wahlmaschine oder einem Zählsystem zu verschaffen", sagt Oumou Ly. "Diese Geräte sind leicht zu knacken." Ly forscht am Berkman Klein Center an der Harvard University an Wahlsicherheit. An Einfallstoren für Hacker, glaubt Ly, mangele es nicht. Hacker könnten bei der Übermittlung der Daten aus den Wahllokalen zu den zentralen Wahlkommissionen der Bundesstaaten eingreifen und so die Ergebnisse während der Datenübertragung verfälschen. Sie könnten in Registrierungsdatenbanken eindringen und dort die Daten registrierter Wähler manipulieren - oder ganz löschen und sie so von der Urne fernhalten. Oder sie könnten sich Zugriff auf ältere Wahlmaschinen verschaffen, sie mit Schadsoftware bespielen, und so dafür sorgen, dass Stimmen schon bei der Abgabe falsch aufgezeichnet werden. "Gerade Maschinen, die keine Sicherheitskopie auf Papier ausgeben, sind für so etwas anfällig", so Ly.

Von diesen gefährdeten Geräten gibt es in den Vereinigten Staaten immer noch genug. Eine einheitliche Wahlinfrastruktur hat das Land nie eingeführt. Die Bundesstaaten und die Counties sind für die Durchführung der Abstimmungen verantwortlich. Ein nationaler Standard fehlt. Das macht es Hackern und anderen Angreifern einerseits unmöglich, auf einen Streich das gesamte Wahlsystem zu übernehmen - andererseits schafft es jedoch eine Vielzahl von Schwachstellen, die ausgenutzt werden können.

In zahlreichen Bundesstaaten stehen also in mehreren Wahllokalen noch Maschinen, die eine Backup-Kopie auf Papier nicht ermöglichen. Dabei halten Experten einen solchen Beleg für wichtig, um die Korrektheit der Stimmabgabe zu überprüfen und im Zweifelsfall eine Neuauszählung zu ermöglichen. Laut der NGO "Verfied Voting" werden Maschinen ohne diese Funktion dennoch weiter in zahlreichen Counties eingesetzt - vor allem im Süden und im Mittleren Westen. Der Bundesstaat Louisiana führt gar die ganze Wahl auf solchen Geräten durch.

Der Geräteaustausch kommt nur langsam voran

Der Trend geht allerdings zur Abschaffung dieser Maschinen. Laut der Denkfabrik Brennan Center for Justice gaben vor vier Jahren noch rund 27,5 Millionen Wählerinnen und Wähler ihre Stimme auf den umstrittenen Geräten ab. Dieses Jahr dürften es noch 16 Millionen sein. Der Austausch findet also statt, allerdings nicht schnell genug, wie Kritiker finden.

Ein Grund für den langsamen Fortschritt: Geldmangel. Denn neue Wahlinfrastruktur ist teuer - und eine Ausgabe, die gern aufgeschoben wird. Ebenfalls laut Brennan Center nutzten im Herbst 2018 noch 34 Prozent der Wahlorganisatoren Ausrüstung, die älter als zehn Jahre und damit besonders anfällig für Cyberattacken war. Das Problem war weit verbreitet, betraf Orte in 42 Bundesstaaten.

Seitdem ist einiges passiert: Mehrere Staaten stellten Geld bereit, um neue Maschinen anzuschaffen. Für einige flächendeckende Verbesserung der Wahlinfrastruktur führt an Zuschüssen von der Bundesregierung jedoch kein Weg vorbei. Im vergangenen Jahr verabschiedete der Kongress ein entsprechendes Paket, das Mittel in Höhe von 425 Millionen Dollar bereitstellte.

Für 2020 kämen alle Bemühungen zu spät

Kritiker halten diese Finanzspritze jedoch für nicht ausreichend. Die Demokraten brachten deshalb bereits mehrere Gesetze ein, die insgesamt rund 1,6 Milliarden Dollar zusätzlich zur Verfügung stellen würden. Doch die Republikaner im Senat haben das Vorhaben bislang blockiert. Experten sehen zudem einen noch höheren Finanzbedarf. Das Brennan Center kalkuliert etwa mit 2,2 Milliarden Dollar über fünf Jahre, um die US-Wahlen tatsächlich effektiv vor Angriffen zu schützen.

Für 2020 kämen diese Bemühungen ohnehin zu spät. Dabei ist die Bedrohungslage nach Einschätzung der US-Geheimdienste nach wie vor hoch. Bereits im Sommer warnten sie davor, dass unter anderem Russland, China und der Iran versuchen, die Wahl zu beeinflussen. Dass am 3. November alles fehlerfrei ablaufen wird, glauben Experten daher nicht. "Ich gehe fest davon aus, dass irgend etwas passieren wird", sagt Ly.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 25. Juli 2020 um 23:50 Uhr.

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