Wahlkampfschilder in Virginia | REUTERS

Vorstädte im US-Wahlkampf Die neue Kampfzone

Stand: 01.11.2020 03:50 Uhr

Seit Jahrzehnten gehören die Suburbs - die Vorstädte - zu den Hochburgen der Republikaner. Doch das könnte sich jetzt ändern. Denn Trump treibt vor allem Wählerinnen zu den Demokraten - und gefährdet so seine Wiederwahl.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

An den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, kann sich Kim Daugherty noch genau erinnern. Es war im Sommer vor zwei Jahren, als Bilder von der amerikanisch-mexikanischen Grenze um die Welt gingen. Damals hatte die Trump-Administration Kindern von undokumentierten Einwanderern von ihren Eltern getrennt, sie zeitweise in Käfige in Grenzstationen gesteckt, um Asylbewerber abzuschrecken. Ein Aufschrei ging durchs Land, auch Familienanwältin Daugherty war empört. Und sie entschied sich, etwas zu tun. "Seitdem bin ich politisch viel aktiver", sagt sie. Seither macht Daugherty Wahlkampf für die Demokraten in ihrer Heimat Fauquier County im US-Bundesstaat Virginia - am äußersten Rand der Vororte von Washington, DC.

Julian Heißler tagesschau.de

Es ist eine Region, in der es Daughertys Partei in der Vergangenheit sehr schwer hatte. Zwar befindet sich der Landkreis noch im Einzugsbereich der liberalen Hauptstadt, doch das Lebensgefühl ist zunehmend ländlich. Die Städte sind kleiner als im direkten Umkreis von Washington, die Straßen schlechter, die Einstellung der Bevölkerung tendenziell konservativer. Die Blue Ridge Mountains mit ihren freilaufenden Schwarzbären sind näher als das Weiße Haus. Wahlen gewinnen hier traditionell die Republikaner. Doch am 3. November könnte sich das ändern.

Mächtiges Fundament

Denn in den Vorstädten regt sich etwas - auch in Fauquier County. Über Generationen waren die Suburbs die eigentliche Heimat des amerikanischen Konservatismus. Als Mitte des 20. Jahrhunderts immer mehr Schwarze die Südstaaten verließen in in die Städte des Nordens zogen, flüchteten große Teile der weißen Mittelschicht vor die Tore der Metropolen. Über Jahrzehnte kamen dort, zwischen freistehenden Einfamilienhäusern mit gepflegten Grünflächen, die Botschaften der Republikaner gut an: ein zurückhaltender Staat, niedrige Steuern, starkes Militär, Schutz vor Kriminalität. Potenzielle Zuzügler aus Minderheiten wehrten die Suburbs lange Zeit mit stadtplanerischen Kniffen ab. So entstanden Enklaven hervorragend ausgebildeter, gutverdienender und vor allem weißer Wählerinnen und Wähler, die schon allein demografisch das mächtige Fundament der republikanischen Partei bildeten. Bisher jedenfalls.

Denn diese Bastion wackelt erheblich. Umfragen sehen US-Präsident Donald Trump in den Vorstädten deutlich hinter seinem Herausforderer, Ex-Vizepräsident Joe Biden. Bereits bei den Zwischenwahlen vor zwei Jahren gewannen die Demokraten in den Vororten überraschend viele Kongresssitze und sicherten sich so die Kontrolle über das US-Repräsentantenhaus. Schon damals stellten die Suburbs 52 Prozent der Wählerinnen und Wähler des Gesamtelektorats. Nun könnte die Rebellion in den Vorstädten die Republikaner auch die Präsidentschaft kosten.

Biden-Schilder in der Mehrheit

Denn die Demokraten schicken sich an, diese neue Kampfzone zu erobern. 2016 hatte Trump in den Vorstädten noch knapp vorne gelegen. Danach sieht es vier Jahre später nicht mehr aus. Erste Anzeichen sind etwa im Umland von Washington, DC, bereits im Straßenbild zu sehen. Wahlkampfschilder für den Demokraten Biden sind längst keine Seltenheit mehr in den Vorgärten der freistehenden Einfamilienhäuser. Mancherorts sind sie bereits in der Mehrzahl.

Der Grund dafür sind Frauen wie Kim Daugherty. Die Mutter dreier Kinder sitzt im Büro ihres weitläufigen Hauses in Warrenton, der Hauptstadt von Fauquier County. Sie trägt die Kampfmontur der erfolgreichen Akademikerin aus Suburbia in diesem Herbst: kariertes Flanellhemd, Daunenweste, dunkel umrandete Designerbrille. "Ich will, dass sich etwas ändert", sagt sie.

Daughertys Weg in die Opposition zu Trump und Republikanern war nicht vorgezeichnet. Wie viele in der Region wuchs sie in einer konservativen Familie auf. Der Vater diente viele Jahre als Offizier bei den Marines. Der erste Präsident, für den sie stimmte, war George W. Bush. Doch irgendwann konnte sich Daugherty nicht mehr mit der Partei ihrer Eltern identifizieren. 2008, als die Republikaner die damalige Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, zur Kandidatin für die Vizepräsidentschaft nominierten und sich zunehmend nach rechts orientierten, war für sie der Bruch nicht mehr abzuwenden. "Ich habe zwei Töchter", sagt sie. "Ich kann keine Partei unterstützen, die sich in ihre Entscheidungen über ihre eigenen Körper einmischen will."

Wandelndes Weltbild

Die Anwältin war nicht allein. 2008 verloren die Republikaner das erste Mal seit fast einem halben Jahrhundert die Präsidentschaftswahl in Virginia. Seitdem ist der Staat zu einem verlässlichen Baustein in der demokratischen Koalition geworden, getrieben zunächst von den Vororten von Washington, die im Norden eine zunehmend diverse und gut ausgebildete Bevölkerung anziehen - und damit Wählerinnen und Wähler, die demografisch überwiegend zu den Demokraten neigen. Mit den neuen Einwohnern kroch auch ein zunehmend liberales Weltbild in den Staat und erreicht mittlerweile sogar die äußeren Ränder der Vororte wie Fauquier County.

Und Virginia ist keine Ausnahme. Überall im Land gewinnen die Demokraten derzeit in den Vororten an Einfluss - ein Trend, der den Präsidenten eine zweite Amtszeit kosten könnte. Plötzlich wackeln die ehemaligen Festungen nicht mehr nur in traditionellen Swing States wie Pennsylvania, Wisconsin oder Florida, sondern auch in republikanischen Erbhöfen wie Texas, Georgia und Arizona. Die Vorstädte von Houston, Atlanta oder Phoenix unterscheiden sich kaum mehr von denen von Philadelphia, Milwaukee oder Miami. Oder eben Washington, DC.

"Könnt ihr mich bitte mögen?"

Getrieben wird diese Entwicklung vor allem von Frauen. Genauer gesagt: von weißen Frauen mit Hochschulabschluss. Vor vier Jahren gewann Hillary Clinton diese Wählergruppe knapp mit rund sechs Prozentpunkten Vorsprung vor Trump. So eng dürfte es Umfragen zufolge am 3. November nicht noch einmal werden. Landesweit liegt Biden bei diesen Wählerinnen derzeit fast 20 Prozentpunkte vor dem Präsidenten. In wichtigen Swing States ist der Abstand noch größer. Auch Trump hat das Problem mittlerweile erkannt. "Könntet ihr mich bitte mögen?", flehte der Präsident Mitte Oktober auf einer Rally in Jonestown, Pennsylvania.

Es spricht nicht viel dafür, dass sie das in großer Zahl noch tun. Trumps aggressiver Wahlkampf kommt vor allem bei gut ausgebildeten Wählerinnen nicht gut an. Seine kaum codierte Sprache etwa im Zusammenhang mit Protesten im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung wird Umfragen zufolge als rassistisch wahrgenommen, sein Krisenmanagement in der Coronakrise als unzureichend. Dass er die Wählerinnen in den Vorstädten konsequent als "Hausfrauen" anspricht, hilft ebenfalls nicht. So beschleunigt Trump die demografischen Trends, die seiner Partei ohnehin zu schaffen machen.

Für Kim Daugherty ist diese Entwicklung eine gute Nachricht. Die Republikaner im Wahlkreis, der Fauquier County umfasst, entschieden sich im Sommer, ihren moderaten Kongressabgeordneten nicht noch einmal aufzustellen. Sie nominierten stattdessen einen äußerst trumpigen Kandidaten, der vor allem in Suburbia kaum vermittelbar ist. Damit ist der Distrikt, traditionell eine sichere Bank für die GOP, Meinungsforschern zufolge plötzlich für die Demokraten in greifbarer Nähe. "Wir haben gute Chancen, zu gewinnen", so Daugherty.

Sollte Fauquier County fallen, dann dürfte das auch für andere Vororte gelten - ein Trend, der den Republikanern wohl auch auf lange Sicht einiges Kopfzerbrechen bereiten wird.

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "US-Wahl 2020" am 01. November 2020 um 00:10 Uhr.