Anhänger von US-Präsident Donald Trump auf Staten Island. | REUTERS
Reportage

US-Wahlkampf auf Staten Island Der "Swing State" in New York

Stand: 16.10.2020 03:01 Uhr

Weder US-Präsident Trump noch Herausforderer Biden können darauf setzen, in New Yorks fünftem Stadtteil Staten Island die Mehrheit zu ergattern. Beide Lager sind fast gleich stark. Die Anhänger stehen sich versöhnlich gegenüber.

Von Christiane Meier, ARD-Studio New York

Man muss Manhattan hinter sich lassen, um New Yorks fünften Stadtteil Staten Island zu besuchen. 20 Minuten mit der Fähre, vorbei an der Freiheitsstatue, dann kommt man auf der Insel an, die ganz anders tickt als der Rest von New York. Hier wohnen viele Stadtangestellte, aber auch Kleinunternehmer, die sich die Großstadtmieten anderswo nicht leisten können.

Christiane Meier ARD-Hauptstadtstudio

Staten Island ist New Yorks "Swing Insel", hier wird hart um jede Stimme gerungen. Vor vier Jahren gewann Trump, diesmal ist das nicht sicher. John Bonavita und sein Freund Steve Collica sind Busfahrer und Gewerkschafter. Sie haben sich Urlaub genommen, um Joe Biden und ihren Kandidaten für das Repräsentantenhaus, den Demokraten Max Rose, zu unterstützen.

"Es ist ein enges Rennen. Es wird sich erst in der letzten Minute entscheiden, so tief sind wir hier gespalten. Hoffentlich werden viele wählen und Max gewinnt. Aber es wird knapp", sagt Bonavita. Es gebe noch viele unentschlossene, jede Stimme zähle, meint Collica.

Trumps Schlachtruf kommt gut an

Bonavita wählt wie immer demokratisch, da er fürchtet, dass Trump New York bestrafen will und Subventionen für den öffentlichen Nahverkehr streicht. Dann wären nicht nur in Staten Island Jobs in Gefahr, auch die City würde leiden. "Es ist dumm, das zu versuchen. Das ist unser Leben", sagt er. Man zerstöre nur die Wirtschaft, wenn die Leute nicht zur Arbeit gehen könnten. "Das nützt niemandem, egal was man für ein Egomane ist."

Für die andere Hälfte von Staten Island ist jedoch Trump der Wunschkandidat. Sein Schlachtruf nach "Law and Order" und gegen Anarchie kommt bei den Polizisten und Feuerwehrleuten, die hier wohnen, gut an. Anthony Gerardi ist Republikaner, für die Veranstaltung hat er mit seiner kleinen Firma die Tontechnik gemacht. Einer der wenigen Aufträge, die er überhaupt noch hat. "Es tut gut, so viele Leute zu sehen, die für Business, für Polizei, für die kleinen Geschäftsleute, für medizinisches Personal und Militär eintreten", sagt er. "Es klingt vielleicht wie ein Klischee, aber eben auch für Amerika."

Wut auf Washington

Der Wahlkampf im ordentlichen und sauberen Staten Island ist schmutzig geworden. Es geht nicht nur um den Präsidenten, sondern auch um den Sitz im Abgeordnetenhaus. In Wahlspots beschimpfen sich die Gegner Max Rose und Nicole Malliotakis als Lügner und Betrüger. 

Aber vielen Leuten geht es um anderes. Gerardi und sein Partner müssen wegen Corona die gesamte Belegschaft entlassen. Sie sind sauer, dass Washington sich nicht auf neue Hilfen einigen kann. "Sie haben uns im Stich gelassen. Ich suche die Schuld nicht beim Präsidenten, Pelosi oder Senator Schumer, sondern bei allen", sagt der Republikaner.

Ihre letzten verbleibenden Mitarbeiterinnen stehen schon morgen vor dem Nichts. "Ich habe dann keine Arbeit mehr. Ich kann kein Essen mehr kaufen, meine Rechnungen nicht mehr bezahlen und meine Kinder und Enkel nicht mehr unterstützen", sagt Renee Dematteo. Und doch wollen sie auf jeden Fall Trump wiederwählen. "Denn wenn das Land so weiter macht wie in den letzten vier Jahren, ist es gut für mein Business", sagt Gerardi. Unter Corona leiden Geschäftsleute ebenso wie die Angestellten.

"Alle sind frei, ihr Ding zu machen"

Trotz des Wahlkampfes sind die Parteigänger auf Staten Island nicht miteinander verfeindet. Bonavita und seine Frau haben ihre republikanische Freundin zum Dinner eingeladen.

"Der Präsident ist der Präsident. Dein eigener Kandidat gewinnt eben nicht immer. Du findest Dich damit ab und akzeptierst ihn", sagt Christine Swiderski. Jessica Bonavita meint, wenn jemand gewählt sei, habe die Bevölkerung ihn zu respektieren. "Alle sind frei, ihr Ding zu machen. So mag ich es", sagt ihr Ehemann. Die anderen New Yorker und das verfeindete Amerika könnten von Staten Island so einiges lernen.