Wähler in den USA  | AFP

Wähler in den USA Ein Land, zwei Welten

Stand: 04.11.2020 08:18 Uhr

Die Gräben zwischen Trump- und Biden-Wählern sind tief. Das zeigt sich auch in den Daten der Nachwahlbefragung. Denn die Perspektiven auf Wirtschaft, Corona und Rassismus könnten unterschiedlicher kaum sein.

Von Jörg Schönenborn, ARD-Wahlexperte

Wenn ich mir dir die Daten der Exit Poll angucke, dann habe ich fast den Eindruck, dort hätten zwei Wahlen in völlig verschiedenen Ländern stattgefunden. Es ist unglaublich: 87 Prozent der Trump-Wähler finden, dass die Eindämmung der Corona-Pandemie gut funktioniert habe - in einer Woche, in der in vielen amerikanischen Bundesstaaten neue Höchstwerte bei Neuinfektionen registriert werden.

Jörg Schönenborn

Die Biden-Wähler sehen das natürlich völlig gegensätzlich. 82 Prozent sind überzeugt, die Eindämmung habe überhaupt nicht funktioniert.

Für die Trump-Wähler zählt die Wirtschaft

Und entsprechend waren auch die inhaltlichen Motive für die beiden Lager komplett unterschiedlich. Bei den Trump-Wählern sticht das eine große Motiv heraus, nämlich seine Wirtschaftspolitik. 62 Prozent nennen das als wichtigsten Grund, ihm die Stimme gegeben zu haben und ganz sicher meinen sie damit den Aufschwung, der im März durch Corona jäh zu Ende ging.

Tatsächlich hatten die USA zu diesem Zeitpunkt enorm gewachsene Durchschnittseinkommen und die niedrigste Arbeitslosigkeit seit 50 Jahren.

Biden-Wähler haben kein herausragendes Thema

Die Biden-Wähler haben einen ganz anderen Blick auf das Land. Das eine herausragende Thema gibt es nicht, aber für immerhin 36 Prozent ist das Thema Rassismus das wichtigste und immerhin 28 Prozent nennen die Corona-Pandemie.

Fehlt nur noch der Hinweis, dass selbstverständlich rund 80 Prozent der Trump-Wähler die wirtschaftliche Lage gegenwärtig als gut beschreiben, knapp 80 Prozent der Biden-Wähler als schlecht. Das ist wirklich unglaublich, wie sich die Polarisierung und Spaltung so tief in Sachfragen hinein gräbt. Solche Zahlen habe ich noch nicht gesehen.

Die meisten haben längst entschieden

Dafür gibt es aber noch ein anderes interessantes Ergebnis, das sich von 2016 komplett unterscheidet. Es gibt so gut wie keine Last-Minute- oder Last-Week-Entscheider. 87 Prozent der Trump-Wähler haben sich bereits im September oder früher entschieden, genauso wie 84 Prozent der Biden-Wähler.

Umgekehrt: Ganze zwei Prozent haben jeweils in den letzten Tagen ihre Entscheidung getroffen. Wenn diese Zahlen zutreffen, heißt das: kein Stimmungsumschwung in den letzten Tagen des Wahlkampfs, den wir in 2016 zugunsten von Trump erlebt haben. Das könnte ein erstes Indiz für den weiteren Verlauf des Abends sein.

Über dieses Thema berichtete die Sondersendung zur US-Wahl am 04. November um 09:00 Uhr.