Jemand wirft in Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin, seinen Wahlschein ein. | AFP

Frühwähler in den USA Neuland für die Demoskopen

Stand: 03.11.2020 22:50 Uhr

In einer US-Wahlnacht beruhten die ersten Prognosen stets auf Befragungen vor den Wahllokalen. Was aber, wenn - wie dieses Mal - ungewöhnlich viele Menschen schon vorher gewählt haben?

Von Jörg Schönenborn, ARD-Wahlexperte

Umfragen leben von Erfahrung. Institute analysieren genau, wer beim letzten Mal wie gewählt hat und nutzen diese Informationen zum Eichen der aktuellen Daten. Ganz besonders wichtig ist dieses Prinzip bei der sogenannten Exit Poll, bei der Wahltagsbefragung, die wichtige Grundlage für die Ergebnisberichterstattung in der Wahlnacht ist.

Jörg Schönenborn

In den USA wird diese Exit Poll seit fast 20 Jahren von der renommierten Firma Edison Research für einen Pool von Medien durchgeführt, zu dem auch die ARD gehört. In den Computern unserer Wahlforscher von infratest dimap im Studio in Hamburg laufen heute Abend ab etwa 23 Uhr die Daten dieser Exit Poll ein.

Dabei ist diesmal etwas anders als bisher: Voraussichtlich nur ein Drittel der Wählerinnen und Wähler wird tatsächlich heute im Wahllokal die Stimme abgeben. Mit diesem Umfang von vor dem Wahltag abgegebenen Stimmen haben die Demoskopen keine Erfahrung. Eigentlich basiert die Exit Poll auf persönlichen Befragungen direkt nach der Stimmabgabe. Die sind viel genauer als Telefonbefragungen, weil man nur diejenigen erwischt, die wirklich ihre Stimme abgegeben haben und weil Erinnerungslücken unwahrscheinlich sind. Den früher kleinen Anteil der Briefwählerinnen und Briefwähler musste man schon immer schätzen.

Ergänzung durch Telefonerhebungen

Aber wie geht man nun demoskopisch damit um, dass 100 von 150 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner schon zwischen Anfang September und dem 2. November gewählt haben? Dass also zwei Drittel überhaupt nicht in den Wahllokalen erscheinen und nicht persönlich befragt werden können?

Auch bei früheren Wahlen hat Edison Research die Befragungen deshalb durch Telefonerhebungen ergänzt. Ebenfalls am Wahltag versucht man über Handy und Festnetz diejenigen zu erreichen und zu befragen, die ihre Stimme längst abgegeben haben. Aber bisher war diese Gruppe eben immer eine Minderheit der Wählerschaft.

Was diese massive Verschiebung des Wahlprozesses nun für die Exit Poll bedeutet, kann niemand voraussehen. Auf jeden Fall sind die Wahlforscher sehr viel vorsichtiger, diese Daten zur Grundlage für die Entscheidung zu machen, ob man einen Staat den Republikanern oder Demokraten zuschlägt.

Jeder Bundesstaat anders

Ich rechne deshalb noch mehr als beim letzten Mal damit, dass wir bei Schließung der Wahllokale sagen müssen: "Too close to call". Wie es dann weitergeht, hängt übrigens vom sehr individuellen Wahlrecht in den Bundesstaaten ab. Da gibt es fast so viele unterschiedliche Varianten wie Bundesstaaten. Mal dürfen die Umschläge der Briefwählerinnen und -wähler erst nach Schließung der Wahllokale geöffnet werden, es müssen dann die Unterschriften verglichen und die Stimmen schließlich von Hand gezählt werden. In einigen Staaten durfte die Auszählung aber auch schon vor zehn Tagen beginnen. Da liegen alle Briefwahlzettel längst in den Zählmaschinen und wir werden heute Nacht auf Knopfdruck Ergebnisse haben.

Zu diesen Staaten zählt übrigens Florida, einer der entscheidenden Bundesstaaten. Um 2 Uhr unserer Zeit schließen die Wahllokale, für 2.30 Uhr hat der Wahlleiter einen großen Teil der Briefwahlergebnisse angekündigt. Zusammen mit ausgezählten Stimmen rechnen wir gegen 3 Uhr oder 3.30 Uhr mit einem aussagekräftigen Zwischenergebnis. Das wird nicht wahlentscheidend sein, aber wahrscheinlich eine Aussage zulassen: Gibt es tatsächlich einen klaren Trend, einen Favoriten auch nach Auszählung der ersten Stimmen, oder ist es so knapp, dass es am Ende auf jeden Staat und jede Stimme ankommt und wir tagelang warten müssen? Hoffentlich sind wir da am frühen Morgen schlauer.