Wladimir Putin und Donald Trump | dpa

Russland und die US-Wahl Brüder im Geiste oder Gegenspieler?

Stand: 03.11.2020 12:47 Uhr

Auch wenn das Verhältnis zu Russland während Trumps US-Präsidentschaft Rückschritte machte: Der Kreml hofft auf seine Wiederwahl - schließlich hat er mit Putin vieles gemeinsam.

Von Stephan Laack, WDR

Auf den ersten Blick war das Verhältnis zwischen Russland und den USA während Donald Trumps erster Amtszeit nicht von besonders positiven Fortschritten gekrönt: Washington stieg aus dem INF-Vertrag zur Begrenzung atomarer Mittelstreckenwaffen aus, danach auch Russland. Die USA verhängten unter Trump immer wieder Wirtschaftssanktionen gegen den Kreml. Trump attackierte das russisch-deutsche Energieprojekt Nordstream 2 und versuchte auch hier über Strafmaßnahmen für beteiligte Unternehmen Druck auszuüben. Der US-Präsident kündigte zudem wichtige Vereinbarungen, an denen auch Russland mitgewirkt hatte, wie etwa den Atom-Deal mit dem Iran.

Trotz aller Unberechenbarkeit und für Moskau unangenehmer Maßnahmen: Russlands Präsident Wladimir Putin fand im vergangenen Jahr in einem Interview mit der "Financial Times" positive Worte für seinen US-amerikanischen Amtskollegen: "Herr Trump hatte im Gegensatz zu seinen Gegnern ein Feingefühl für das, was in der amerikanischen Gesellschaft passiert war, ein Gespür für die Veränderungen - und er nutzte das", meint er dort.

Die Mittelschicht in den Vereinigten Staaten habe aus der Globalisierung keinen Vorteil gezogen - und das Trump-Team habe das genau gesehen und im Wahlkampf aufgegriffen. "Hier sollten wir nach den Gründen für Trumps Wahlsieg suchen und nicht in Mythen über Eingriffe von außen", sagt Putin dazu.

"Einfacher, mit Trump einen Dialog zu führen"

Putin ist der Ansicht, die liberale Idee habe auf der Welt ausgedient - der Kremlchef und Trump im Weißen Haus sind in dieser Hinsicht Brüder im Geiste. Dass Trump in den vergangenen vier Jahren nie zu einem Besuch in Moskau war, ist da nicht so wichtig.

Viel entscheidender ist hingegen, dass sich Trump mit Kritik an Putin zurückgehalten hat und ihn wie einen Partner auf Augenhöhe behandelt. Sein Vorgänger Barack Obama hatte Russland noch abwertend als "Regionalmacht" bezeichnet. Der russische Amerikanist und Politologe Malek Dudakow ist überzeugt, dass man im Kreml auf eine Wiederwahl des Amtsinhabers setzt.

Wladimir Putin und Donald Trump | dpa

Die Präsidenten von Russland und den USA, Wladimir Putin und Donald Trump, geben sich während des G20-Gipfels 2019 in Osaka die Hand. Bild: dpa

"Ich denke, es ist für Russland wahrscheinlich nicht die schlechteste Nachricht, wenn Trump wiedergewählt wird. Ich würde zwar nicht eindeutig sagen, welcher der beiden Kandidaten Trump oder Biden besser für Russland ist. Trotzdem ist Trump mehr der Pragmatiker, ein Geschäftsmann, der solchen Dingen wie Demokratie und Menschenrechten weniger Aufmerksamkeit schenkt", sagt Dudakow. "Theoretisch ist es für Russland einfacher, mit ihm einen Dialog zu führen als mit den Demokraten und mit Biden - insbesondere vor dem Hintergrund dieser Abneigung gegenüber Russland, die sich in den Reihen der Demokratischen Partei entwickelt hat."

Biden "ideologisch stärker aufgeladen" als Trump

Im US-Wahlkampf hatte der demokratische Herausforderer Joe Biden Russland als wichtigsten Gegenspieler der USA bezeichnet. Damit unterscheidet er sich von Trump, der wiederum China zum Hauptfeind der Vereinigten Staaten erkoren hat.

Im Falle des Wahlsieges von Biden erwarten russische Beobachter eine Verschlechterung des Verhältnisses zu den USA. Die Demokraten könnten versuchen, sich für die russische Einmischung in die US-Wahlen vor vier Jahren zu rächen, die Trump begünstigt haben soll - auch wenn der Kreml eine solche Intervention zu jeder Gelegenheit vehement bestreitet.

Auch Alexej Gromyko, der Direktor des Europa-Instituts an der Russischen Akademie der Wissenschaften glaubt, dass Trump für Russland berechenbarer sei. "Der Punkt ist, dass Biden im Falle eines Wahlsieges wahrscheinlich ein ideologisch stärker aufgeladener Präsident sein wird als Donald Trump", meint er. "Immerhin ist Trump selbst noch pragmatischer und daher ist in den vergangenen Jahren die so genannte 'traditionelle Natur der Beziehungen' zwischen den Vereinigten Staaten und anderen Ländern vorherrschend: Nach dem Prinzip 'Gibst Du mir, gebe ich Dir'."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. November 2020 um 05:13 Uhr.