Enrique Tarrio, Anführer der Proud Boys in den USA. | MARIO CRUZ/EPA-EFE/Shutterstock

"Proud Boys" in den USA "Werden Wahlergebnis nicht einfach hinnehmen"

Stand: 27.10.2020 05:16 Uhr

Die "Proud Boys" sind in aller Munde, seitdem US-Präsident Trump sie aufforderte, sich "bereit zu halten". Was steckt hinter der rechten Bruderschaft, und wie gefährlich sind ihre Mitglieder?

Von Jan Philipp Burgard, ARD-Studio Washington

"Wenn die Fäuste fliegen, werden wir wieder Eure Knochen brechen", singt ein Mitglied der "Proud Boys" mit geschlossenen Augen und spielt dazu eine melancholische Melodie auf der Gitarre. Mit diesem Songtext stimmen sich die "Proud Boys" auf ihre Versammlung ein. Sie treffen sich im Haus eines Mitglieds in einem Vorort von St. Louis. Es wird viel getrunken, gelacht und geraucht.

Jan Philipp Burgard ARD-Studio Washington

Alex Furman ist 28 Jahre alt und arbeitet für einen Schlüsseldienst. Als er vor drei Jahren zum ersten Mal hierher kam, zogen ihn die "Proud Boys" sofort in ihren Bann. "Was mir gefallen hat ist das Wilde, die Lust am Raufen, der Stolz. Das alles gibt Dir einen Schub. Oft hatte ich das Gefühl gehabt, mich dafür schämen zu müssen, ein weißer Mann zu sein. Als ich das hier sah, fand ich es super cool", sagt Furman.

Rechte Bruderschaft gegen Einwanderer und politische Korrektheit 

Um Mitglied der umstrittenen, rechten Bruderschaft zu werden, muss man nicht nur ein Mann sein, sondern sich auch dazu bekennen, die westliche Zivilisation für überlegen zu halten. Die meisten hier sind grundsätzlich gegen die so genannte politische Korrektheit und gegen Einwanderung. "Das Problem an der Demokratie ist, dass Immigranten hereinkommen. Es besteht die Gefahr, dass sie illegal Bürger werden und diese alten linken Ansichten aus Mexiko mitbringen. Dann dürfen sie auch noch wählen und verändern Amerika", findet Furman. 

Für seinen harten Kurs in der Einwanderungspolitik verehren die "Proud Boys" Präsident Trump. Das gilt auch für ihre Freundinnen. Auf einer oberen Etage des Hauses malen sie Schilder für eine Kundgebung. Darauf werben sie unter anderem für Trumps Wiederwahl.

Haltlose Warnungen vor Wahlbetrug

Dessen Warnungen vor einem möglichen Wahlbetrug sind hier auf fruchtbaren Boden gefallen. Nathan Rader würde seinen Präsidenten notfalls verteidigen. "Es braucht Patrioten wie mich, um zu sagen: Wir werden Wahlergebnisse nicht einfach hinnehmen, wenn etwas faul ist", sagt Rader entschlossen. "Wenn wir auf legale Weise aktiv werden können, würde ich das zu hundert Prozent tun."

An der Wand des Wohnzimmers lehnt eine Schnellfeuerwaffe. Rader trägt ein schwarz-gelbes Poloshirt der Marke Fred Perry, das viele "Proud Boys" wie eine Art Uniform tragen. Die Firma hat den Verkauf dieser Shirts in den USA und Kanada inzwischen gestoppt, um sich nicht politisch vereinnahmen zu lassen. Raders kurz rasierte Haare sind von einer schwarzen Baseballkappe bedeckt, auf denen in gelber Schrift die Buchstaben "P.O.Y.B." eingesteckt sind. Die Abkürzung steht für "Proud of your boy" - auch das ein Erkennungszeichen der Bruderschaft.      

Widerstand gegen Corona-Schutzmasken

Mit einem gemieteten Kleinbus fahren die "Proud Boys" und ihre Unterstützerinnen in die Innenstadt von St. Louis. Dort veranstalten sie eine Kundgebung. Anlass ist ihr Widerstand gegen die Pflicht, Corona-Schutzmasken zu tragen. Gleichzeitig demonstrieren sie für das Recht, Waffen zu tragen. Auch Verschwörungstheorien haben hier Platz. Eine junge Frau mit einem Revolver in der Manteltasche brüllt in ein Mikrofon, Joe Biden sei ein Pädophiler. Doch das hört kaum jemand, nur etwa 20 Teilnehmer sind gekommen. Schuld daran seien Facebook und Twitter, die ihre Seiten gesperrt hätten, erklären sie uns.

Bürgerrechtsorganisationen stufen die "Proud Boys" als hasserfüllt und rassistisch ein. Der USA-Chef der "Proud Boys", Enrique Tarrio, widerspricht dieser Darstellung. Er selbst sei der lebende Beweis, dass die "Proud Boys" keine Rassisten seien. Schließlich sei er der Sohn kubanischer Einwanderer und dunkelhäutig. Tarrio trägt eine verspiegelte Sonnenbrille und eine militärische Schutzweste.

Trump bringt viele neue Mitglieder

Er ist stolz darauf, dass Präsident Trump sich in der ersten TV-Debatte nicht sofort von der Organisation distanziert hat. "Er weiß, dass wir keine Rechtsextremisten sind. Und er hat gesagt, wir sollen uns bereit halten. Damit meinte Trump wohl nur, dass wir zu ihm halten sollen", sagt Tarrio. "Das haben wir seit dem ersten Tag getan. Weil wir konservativ sind. Trump stellt das amerikanische Volk an die erste Stelle. Darum unterstützen wir ihn." Die Mitgliederzahlen seien seit Trumps Äußerungen deutlich gestiegen, erklärt er. Weltweit gebe es rund 22.000 "Proud Boys".

Vor einer Bar findet am Abend das Aufnahmeritual für ein Neumitglied statt. Adam Kahn ist Ende dreißig und arbeitet für eine Sanitärfirma. Seine so genannten Brüder verpassen ihm so lange Faustschläge, bis er fünf Sorten Frühstücksflocken aufgezählt hat. Die "Proud Boys" schlagen heftig zu, Kahn wird sicherlich ein paar blaue Flecken davontragen. Trotzdem strahlt er vor Glück, als er die Prozedur überstanden hat. "Ich fühl' mich großartig, als Teil einer Gemeinschaft. Unschlagbar."

"Saufclub für Patrioten"

In der Bar geht es hoch her. Die Männer singen Karaoke. Bier und Schnaps fließen in Strömen. Die "Proud Boys" hier bezeichnen sich selbst wörtlich als "Saufclub für Patrioten". Doch sie präsentieren sich nicht immer so harmlos.

Wir konfrontieren den USA-Chef mit einem Foto. Darauf hält er ein Plakat mit der Aufschrift: "Nur ein toter Kommunist ist ein guter Kommunist." Tarrio rechtfertigt sich. Teile seiner Familie seien in Kuba von Kommunisten ermordet worden. "Kommunismus hat keinen Platz in Amerika, genauso wenig wie Faschismus. Wenn ich sage ein guter Kommunist ist ein toter Kommunist, dann meine ich das so. Ob jemand das als Provokation versteht oder nicht, ist mir egal." Als Kommunisten betrachtet Tarrio neben der Antifa und der Black Lives Matter-Bewegung auch Teile der Demokratischen Partei.

Die "Proud Boys" sind bester Stimmung. Gegen Ende des Abends posieren sie vor einem Wahlkampfplakat von Donald Trump für ein Gruppenfoto. Sie genießen die Aufmerksamkeit, die sie durch die Aussagen des Präsidenten bekommen haben. Am 3. November wollen sie wieder feiern. Sie sind überzeugt, dass Trump die Wiederwahl gelingt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 26. Oktober 2020 um 22:15 Uhr.