Joe Biden und Donald Trump | Bildquelle: AFP

Zwischenstand der US-Wahl Ein zähes Krabbeln und Klettern

Stand: 04.11.2020 08:56 Uhr

Ein Ergebnis der US-Wahl ist noch nicht in Sicht. Die Wahl könnte knapper ausgehen, als viele erwartet haben. So siegte Biden vor allem an der Ost- und Westküste - dagegen konnte Trump vor allem in den Südstaaten und im Bible Belt punkten.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Es wird keinen Erdrutsch-Sieg für Joe Biden geben, es ist eher ein zähes Krabbeln und Klettern für beide. Und vielleicht werden am Ende dieser Nacht sich die Meinungsforscher wieder die Haare raufen und sich wie 2016 fragen, warum sie die Wähler denn so missverstehen konnten. Aber, warnen die Experten, es kann auch noch ganz anders kommen. 2020 ist eben nichts wie sonst.

Was zu erwarten war, was noch offen ist

Biden hat verlässlich die Staaten der nördlichen Ostküste geholt, das kleine Vermont genauso wie Connecticut oder seine Heimat Delaware. Auch der Staat mit den meisten Einwohnern, Kalifornien nämlich, wird ihm alle seine 55 Wahlmänner zur Präsidentschaftswahl schicken.

Donald Trump hat das Amerikanische Kernland und Teile des Südens abgearbeitet: Tennessee und Kentucky, Alabama und Louisiana, dazu den Mittleren Westen bis rüber nach Idaho.

Auch gewann er den extrem wichtigen Bundesstaat Florida. Die Nachrichtensender CNN, NBC und Fox News riefen den Amtsinhaber in der Nacht in dem bevölkerungsreichen Swing State zum Sieger aus. US-Medien zufolge gewann Trump auch den Swing State Iowa, während sein Rivale Joe Biden den Bundesstaat Minnesota für sich entschied. 

Arizona wiederum, das Trump vor vier Jahren gewonnen hat, hat laut US-Sendern Biden gewonnen. Und Texas? Das war nur ein schöner Traum für die Demokraten. Die US-Sender haben Trump zum Sieger erklärt.

Das große Zählen

102 Millionen Amerikaner hatten ihre Stimme schon abgegeben, bevor überhaupt nur das erste Wahllokal an der Ostküste öffnete. Damit waren schon vor dem 3. November über 70 Prozent der Wahlbeteiligung von 2016 erreicht, ein deutliches Zeichen dafür, dass die Amerikaner die Wahl tatsächlich als sehr wichtig einschätzten und unbedingt ihre Stimme abgegeben wollten.

Weil aber der Anteil der Briefwähler so hoch war wie nie zuvor, ist auch diese Wahlnacht anders als je zuvor. In vielen Staaten werden zuerst die persönlich abgegebenen Stimmen gezählt, in anderen die Briefwahl. Das verzerrte die ersten Ergebnisse erheblich, in die eine wie die andere Richtung. 

In Ohio etwa, einem Industriestaat im Nordosten, und in North Carolina, einem der umkämpften Südstaaten, begann Biden mit einer komfortablen Führung. Trump setzte sich dann an die Spitze. Im Nachbarstaat Michigan liegt Trump vorn.

Andere Staaten wie Pennsylvania, die erst in der Nacht beginnen konnten, ihre Briefwahl auszuzählen, werden wohl bis weit in den Mittwoch hinein brauchen, bis sie ein belastbares Ergebnis haben. Also: Nerven bewahren! "It´s a long way to go", sagen die Journalisten im US-Fernsehen.

Es war eine Mobilisierungswahl: Wer kommt raus?

Die US-Wähler haben sich schon früh entschieden, wen sie wählen würden. Die Zahl der Unentschiedenen lag bei deutlich unter zehn Prozent. Gewinnen würde also der, der seine Anhänger am besten motivieren und mobilisieren konnte. Die Demokraten haben es früh geschafft, ihre Anhänger für die Briefwahl zu begeistern, die Republikaner haben lieber persönlich abgestimmt, gerne auch schon vor dem Wahltag.

Aber womöglich ist am Ende Trumps Wahlkampfstrategie aufgegangen: Nach überstandener Covid-19-Krankheit alle Corona-Regeln zu brechen, auf Großveranstaltungen mit tausenden von Menschen zu setzen und dort vor Fernsehkameras und Handys seine griffigen Kernbotschaften zu verbreiten. Biden gleich Sozialismus, Biden gleich Anarchie, Biden gleich Ende des Amerikanischen Traums.

Biden hingegen, der die Drive-In-Rally und den Stuhlkreis, das Internet und die Ansprache wählte, um niemanden zu gefährden, ist womöglich zu unsichtbar geblieben. Biden hat niemanden begeistert, er wurde gewählt, Trump aus dem Weißen Haus zu treiben.

Die größeren Trends

Die USA sind ein Land im Wandel. Einwanderer aus Lateinamerika oder Asien sind die am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen. Schon bald werden die weißen Amerikaner nicht mehr in der Mehrheit sein. Und: Die Städte und Stadtregionen, klassische Jagdgründe der Demokraten, breiten sich immer mehr aus. Bisher setzen die Demokraten also darauf, dass dieser Wandel ihnen nützen wird. Doch in Florida konnte Donald Trump viele konservative Latinos auf seine Seite ziehen. Rund um Miami, wo Hillary Clinton vor vier Jahren satt gewonnen hatte, sind Joe Biden wichtige Stimmen verloren gegangen.

Umgekehrt könnte der Bevölkerungswandel dazu führen, dass das stramm republikanische Texas bald wirklich an die Demokraten fällt: große Städte wie Houston, Dallas und Austin, eine junge Multi-Kulti-Bevölkerung. Diesmal hat es noch nicht geklappt.

Über dieses Thema berichtete die Sondersendung zur US-Wahl am 04. November um 09:00 Uhr.

Korrespondentin

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