Eine Frau mit Mundschutz zählt in Wisconsin Wählerstimmen. | AFP

US-Präsidentenwahl Vier Erkenntnisse aus der Wahlnacht

Stand: 05.11.2020 09:43 Uhr

Noch ist bei der US-Präsidentenwahl nichts sicher: Die Auszählung der Stimmen dauert - es ist ein knappes Rennen. Einige Erkenntnisse gibt es trotzdem schon: So reicht es für Biden nicht, nur der Anti-Trump zu sein.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

1. Die Demoskopen haben für das Phänomen Trump noch kein Rezept gefunden

Monatelang hieß es: Joe Biden liegt in den Umfragen vorn. Und zwar so deutlich, dass viele Demoskopen und Politexperten in und außerhalb der USA schon einen Erdrutschsieg für den Ex-Vize vorhersagen. Sie lagen daneben. Wie schon vor vier Jahren.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

Die Wahlforscher haben es ganz offensichtlich nicht geschafft, die Stimmung vor allem in den entscheidenden Swing States zu erspüren. Vielleicht, weil sie beispielsweise die vielen Latinos, die in Miami zum ersten Mal wählen gingen und sich für Trump entschieden, nicht gefragt haben? Vor ein paar Tagen lautete eine Überschrift auf der Umfragen-Online-Plattform "FiveThirtyEight", die dem Fernsehsender ABC gehört: "Trump kann noch gewinnen - aber nur, wenn die Umfragen noch mehr daneben liegen als 2016." Genau so ist es gekommen.

2. Trump bleibt sich und seinem Drehbuch treu

Der nächtliche Auftritt des Präsidenten nach der Wahl war klassisch Trump: Eine Mischung aus falschen Behauptungen ("Wir haben schon gewonnen", "Sie wollen die Wahl stehlen") und beleidigtem Gejammer ("Wir waren schon bereit, unseren tollen Sieg zu feiern, wir haben alles gewonnen - und auf einmal war alles anders"). Aber inhaltlich und strategisch blieb Trump bei seinem Drehbuch der vergangenen Wochen.

Bei jeder Gelegenheit hatte der Präsident Zweifel am Wahlprozess geschürt und gefordert, dass der Sieger am Wahltag feststehen muss. Besonders empört ist Trump über Regeln wie in North Carolina und in Pennsylvania, wo Briefwahlstimmen noch Tage nach der Wahl akzeptiert werden - solange sie vor der Wahl in die Post wanderten (Regeln, die in Deutschland übrigens undenkbar wären). Und auch, dass er den Supreme Court, das Oberste Gericht, einschalten will, um das Zählen dieser späten Stimmen zu unterbinden, hatte der Präsident mehrfach angekündigt. Er setzt dabei ganz auf die drei konservativen Richter, die er in den vergangenen vier Jahren dort inthronisieren konnte. Den letzten Neuzugang, Amy Coney Barrett, hat er genau für diesen Fall noch schnell vor der Wahl durch das Nominierungsverfahren geboxt.

3. Für Biden wird es sehr schwer, die Wahl zu gewinnen

Ein Erdrutsch-Sieg wird es nicht mehr. Aber noch hat Biden die Wahl nicht verloren. Sie zu gewinnen wird allerdings schwer: Nachdem Trump schon in den wichtigen "Swing States" Florida und Ohio mit insgesamt 45 Wahlleuten gewonnen hat, muss sein Herausforderer jetzt unbedingt in mindestens zwei von fünf Staaten gewinnen, die sich vor vier Jahren noch mehrheitlich für Trump entschieden haben. Sonst bekommt er die für einen Sieg nötigen 270 Wahlleute nicht mehr zusammen.

Nach bisherigem Auszählungsstand hat der Präsident in drei davon eine kleinen Vorsprung: In Georgia, North Carolina und Pennsylvania. Nur in Wisconsin und Michigan liegt Biden knapp vorn. Aber Hunderttausende Briefwahlstimmen sind eben noch nicht ausgezählt - beispielsweise in Detroit, Michigan und Atlanta, Georgia. Ballungsräume also, in denen meist die Demokraten gewinnen. Deshalb ist es für Biden und Amerikas Demokratie jetzt so entscheidend, dass alle Stimmen auch ausgezählt werden.

4. Es reicht nicht, der Anti-Trump zu sein

Im Wahlkampf hatte Biden sich vor allem als menschlicher Gegenentwurf zum Amtsinhaber präsentiert: Empathiefähig, freundlich, höflich. Seine tragische Familiengeschichte (Frau und Tochter starben bei einem Autounfall, der ältere Sohn an einem Hirntumor) kennen inzwischen sicher die meisten Amerikaner auswendig. Während Trump seine Anhänger ohne Maske und ohne Abstand bei Massenveranstaltungen unterhielt (und gefährdete), blieb Biden über Wochen zuhause.

Inhaltlich drückte er sich um klare Positionen, etwa beim Thema Klimaschutz und der Zukunft des umstrittenen Frackings. Wie genau durch eine Energiewende gute Jobs im sogenannten Rostgürtel, den industriell geprägten Staaten im Nordosten der USA, entstehen sollen, erklärte er nicht. Genauso wenig wie die Notwendigkeit für Steuererhöhungen für Besserverdienende. Sein Plan zur Pandemie-Bekämpfung blieb unscharf.

Trump konnte ihn deshalb leicht als den Jobkiller verdammen, der die Wirtschaft lahmlegen und gleichzeitig nur aufs sauer verdiente Geld der Bürger aus ist. Die Angst vor Bidens angeblichem "Socialism", also Sozialismus, zog beispielsweise bei Einwanderern aus Kuba und Venezuela in Florida. Einen Umfragewert hat der bisherige Wahlverlauf nämlich bestätigt: Die Wähler trauen Trump in Sachen Wirtschaft mehr zu. Und die Wirtschaft ist vor allem jetzt, wo die Pandemie vielen die Existenz geraubt hat, für viele Menschen wichtiger als ein netter und empathischer Präsident.

Über dieses Thema berichtete die Sondersendung zur US-Wahl am 04. November um 20:15 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
friedrich peter peeters 04.11.2020 • 19:27 Uhr

Biden hat sein Wirtschaftsplan nicht deutlich gemacht

Mit sehr viel Glück könnte Biden noch gewinnen, aber er hat sehr leichtfertig den schon sicher geglaubten Sieg aus der Hand gegeben. Das Thema Wirtschaft war für alle Amerikaner über 30 Jahre der wichtigste Bewertungspunkt. Seit über 30 Jahre klagen die Amerikaner über real stagnierende Einkommen und hoffen auf Antworten. Biden hat sie nicht geben können oder wollen. Dies war wohl das größte Manko. Trump hat dies aufgegriffen und wieder Versprechungen gemacht die anscheinend wieder geglaubt wurden.