Deutsche und US-amerikanische Fahnen | Bildquelle: dpa

Deutschland und die USA Ende der Beziehungskrise?

Stand: 08.11.2020 09:37 Uhr

Was wird sich für Deutschland ändern, wenn Demokrat Biden ins Weiße Haus einzieht? Eine ganze Menge. Doch nicht jeder Konflikt im transatlantischen Verhältnis dürfte damit gelöst sein.

Eine Analyse von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Es war einer dieser zahlreichen Momente, in denen deutsche Journalisten ihren Ohren nicht zu trauen glaubten: Auf einer Skala von Null bis Zehn sei sein Verhältnis zu Angela Merkel eine Zehn, also herausragend, behauptete Donald Trump beim G7-Gipfel in Kanada Anfang Juni 2018. Das klang schon damals unglaubwürdig. Und schon wenige Wochen danach war es Trump selbst, der das Gegenteil bewies: Als er beim einleitenden Frühstück zum NATO-Gipfel minutenlang über die niedrigen deutschen Verteidigungsausgaben, die Gas-Pipeline NordStream 2 herzog und erklärte, Deutschland werde wegen seiner Energieabhängigkeit "komplett von Russland kontrolliert".

Die transatlantische Entfremdung jedenfalls vollzog sich während der Trump-Jahre in geradezu atemberaubendem Tempo. Machte es also einen Unterschied, ob Trump oder ein Demokrat im Weißen Haus sitzt? Ja, einen gewaltigen.

Zertrümmerte Abkommen

Der US-Präsident hat in vier Amtsjahren neben ganz viel Vertrauen auch jede Menge Abkommen zertrümmert, die der Bundesregierung - und mit ihr der EU - wirklich am Herzen lagen: unter anderem das Nuklear-Abkommen mit dem Iran, das Teheran davon abhalten soll, in den Besitz der Atombombe zu gelangen oder das Pariser Klimaabkommen.

Sitzt Biden im Oval Office, dürfte eine seiner ersten Amtshandlungen sein, diesen Umweltvertrag wiederzubeleben. Auch aus der Weltgesundheitsorganisation WHO hatte Trump die USA zurückgezogen.

Kanzlerin Merkel gratuliert Biden zum Wahlsieg
tagesschau 12:00 Uhr, 09.11.2020, Julie Kurz, ARD Berlin

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Ende der Dauernervosität

Mindestens genauso wichtig aber ist, dass die Bundesregierung mit Biden im Weißen Haus nicht mehr im Zustand der Dauernervosität verharren und mit der ständigen Furcht leben müsste: dass Deutschland mit heftigen Autozöllen bestraft wird, dass Trump es doch noch vermag, die NATO zum Implodieren zu bringen, dass die Europäer weiter auseinander driften.

Denn der US-Präsident - ein erklärter Brexit-Freund, der die EU als Gegner, nie als Partner sah - war ein Meister darin, einzelne Staaten zu umschmeicheln und andere zu ächten. Zu den Bestraften gehörte auch Deutschland, als Trump ohne Vorwarnung verkündete, US-Soldaten von hier abzuziehen und zum Teil in andere europäische Länder zu verlegen.

Konflikte bleiben

Gewiss: Auch die US-Demokraten sind überhaupt keine Freunde der Russland-Pipeline NordStream 2. Auch Barack Obama beklagte wiederholt, er finanziere letztlich den deutschen Sozialstaat, weil Berlin wegen des US-Schutzschirms kaum etwas in die Verteidigung investiere. Auch Biden würde Europa dazu zwingen, nicht nur mehr Geld für das Militär in die Hand zu nehmen, sondern überhaupt die Dinge zunehmend selbst in die Hand zu nehmen - zumindest in seiner Nachbarschaft, in Osteuropa, in Afrika und sich im Konflikt mit China klar auf die Seite Amerikas zu schlagen.

Aber: Vorbei wäre die Zeit - zumindest für vier Jahre - in der man sich ernsthaft Sorgen machen musste, ob von der in 70 Jahren gewachsenen Sicherheitsarchitektur und der transatlantischen Freundschaft bald überhaupt noch etwas übrig sein wird.

Ein anderer Stil

Stilistisch und inhaltlich würde Biden ein anderer Präsident sein, ein deutlich europäischerer. Trump, von einigen als "Anti-Merkel" bezeichnet, hat Berlin in seinen vier Amtsjahren nicht ein einziges Mal besucht - was eigentlich schon alles über das Verhältnis zur deutschen Kanzlerin sagt.

Er hat ihr öffentlich vorgeworfen, mit ihrer Flüchtlingspolitik das Land zu zerstören. Er hat sie zu dem Satz gezwungen, dass Europa sein Schicksal "ein Stück weit in die eigenen Hände nehmen" müsse. Die Diskussion, wie weit diese Selbstbesinnung der Europäer gehen muss, wird in jeden Fall weitergehen. 

Deutschland und Europa könnten unter einem demokratischen Präsidenten Biden wieder etwas ruhiger schlafen - in Tiefschlaf zu verfallen, wäre angesichts eines tief gespaltenen Amerikas aber vermutlich ein Fehler.

Deutschland muss Biden etwas bieten - aber was?
Kai Küstner, ARD Berlin
09.11.2020 09:23 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 08. November 2020 tagesschau24 um 09:00 Uhr und die tagesschau um 10:05 Uhr.

Korrespondent

Kai Küstner | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo NDR

Kai Küstner, NDR

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