Carla Arnold |
Reportage

Weltspiegel zu Impfstofftests "Damit wir wissen: Es wirkt bei allen"

Stand: 31.10.2020 09:32 Uhr

Carla Arnold sucht in Pittsburgh Schwarze, die als Freiwillige an Corona-Impfstofftests teilnehmen. Das Misstrauen ist nach Jahrzehnten der Diskriminierung groß - und ihre Mitwirkung umso wichtiger.

Von Christiane Meier, ARD-Studio New York

Wenn Carla Arnold an die Haustüren im Pittsburgher Armenviertel "The Hill" klopft und ihr Anliegen vorträgt, sind die Reaktionen häufig ablehnend. "Wir wollen keine Versuchskaninchen sein", hört sie dann, "Ich vertraue der Regierung nicht", "Die wollen uns doch alle umbringen, das haben sie doch mit Covid-19 schon getan".

Christiane Meier ARD-Hauptstadtstudio

Dagegen zu argumentieren erfordert eine ganz besondere Hartnäckigkeit. Aber die 62-Jährige hat eine Mission - im wahrsten Sinne des Wortes. Zusammen mit ihrer kleinen katholisch- orthodoxen Kirchengemeinde versucht sie Freiwillige für ein Projekt zu rekrutieren, das die schwarze Gemeinschaft zutiefst mit Misstrauen erfüllt: Gesucht werden Probanden für die umfassenden Corona-Impfstudien an der Universität von Pittsburgh - und sie sollen schwarz sein.

Arnold sieht die Argumente auf ihrer Seite, denn in den laufenden Studien waren bis vor kurzem Leute mit dunkler Hautfarbe mit etwa drei Prozent Teilhabe unterrepräsentiert. "Afroamerikaner und Leute mit dunkler Hautfarbe müssen dabei sein, denn oft sind die Medikamente nicht auf jeden abgestimmt, sie basieren nur auf denjenigen, die an den Versuchen teilnehmen", erklärt sie. "Deshalb will ich, dass wir mit am Tisch sitzen, wenn die Medizin produziert wird. Damit wir wissen: Es wirkt bei allen."

Fehler bei Studien wegen homogener Testgruppen

Tatsächlich ist es mittlerweile in der Wissenschaft unumstritten, dass Diversität bei medizinischen Tests notwenig ist. Man wisse "aus vielen Fehlern der Vergangenheit", dass bei Tests an homogenen Probandengruppen entscheidende Details übersehen werden können, sagt Dr. Mylynda Massart von der medizinischen Fakultät der Universität Pittsburgh.

Das tiefe Misstrauen der schwarzen US-Amerikaner geht auf eines der dunkelsten Kapitel der Rassentrennung zurück, erklärt Arnold: unethische medizinische Experimente der amerikanischen Regierung an schwarzen Menschen - ohne deren Wissen. Am brutalsten war das sogenannte Tuskegee-Projekt: Hunderte junger Männer waren mit Syphillis infiziert und wurden 40 Jahre lang bis 1970 bewusst nicht behandelt, selbst nachdem das wirksame Medikament Penizillin erfunden war. Die Krankheit sollte so erforscht werden.

Demonstranten der "Black Lives Matter"-Bewegung in Pittsburgh (Archivbild vom 4. Juli 2020). | AFP

Auch in Pittsburgh war die Black Lives Matter-Bewegung im Sommer stark sichtbar: Ein Demonstrant fordert Haft für den US-Präsidenten (Archivbild vom 4. Juli 2020). Bild: AFP

Ohne Versorgung kein Vertrauen in die Regierung

Dass "Miss Carla", wie sie genannt wird, manchmal mit ihrem Anliegen trotz aller Widerstände Erfolg hat, hängt mit ihrer Glaubwürdigkeit zusammen. Sie ist schon seit Monaten für das ständig wachsende "Neighborhood Resilience Project" unter dem Dach der lokalen Kirchengemeinde unterwegs, um Covid-Kranken zur Seite zu stehen. Sie geht von Haustür zu Haustür - mit Medizin, Essen oder einfach nur Gesprächen. Wie sie sind Dutzende andere Freiwillige dabei, junge und alte Menschen aller Hautfarben.

Die spirituelle Leitung der Kirche hat Father Paul. Der Irak-Veteran hat seine Berufung spät erkannt: Erst nach dem Theologiestudium und einem Abschluss für internationale Beziehungen fand er zur syrisch-orthodoxen Kirche und ist mit seinen 41 Jahren nun ein unermüdlicher Kämpfer für die Armen von Pittsburgh.

Die Regierung habe die schwarze Bevölkerung über Generationen im Stich gelassen, sagt er: "Wir müssen begreifen, dass die Regierung von den Menschen für die Menschen und durch die Menschen sein muss. Und das muss hier beginnen. In den Vierteln, wo wir Benachteiligung erleben, wo die Todesrate durch Covid-19 unverhältnismäßig hoch ist, genau wie die Arbeitslosigkeit." Es brauche besseren Zugang zu medizinischer Versorgung und eine bessere Verteilung des Wohlstands. "Solange wir das alles nicht haben, wird es weit und breit kein Vertrauen in die Regierung geben."

Father Paul Abernathy |

Father Paul Abernathy kümmert sich auch um die Gesundheit in seiner Gemeinde.

Was, wenn es Obamacare nicht mehr gibt?

In den armen Vierteln Pittsburghs hat kaum jemand eine Krankenversicherung - und wenn doch, sind die Zuzahlungen zu Obamacare oft so hoch, dass manche es nicht wagen, zum Arzt zu gehen. Einwanderer ohne Dokumente sind ganz und gar von jeder medizinischen Versorgung abgeschnitten, chronische Krankheiten bleiben unbehandelt - und auch Konsultationen beim Gynäkologen weichen viele aus Kostengründen aus.

Father Paul hat deshalb eine eigene ärztliche Versorgung aufgebaut - mit freiwilligen Ärztinnen, die seit Jahren versuchen, wenigstens für einige eine kostenfreie medizinische Versorgung zu stellen.

Kurz vor der Wahl macht sich eine weitere Sorge breit. Was würde geschehen, wenn der "Affordable Care Act", also Obamacare, vom Obersten Gericht für illegal erklärt oder von einem frisch wiedergewählten Präsidenten Donald Trump kassiert würde? "Das würde sich sehr negativ auf unsere Gemeinde auswirken", meint Father Paul. "Aber auch wenn er bleibt, brauchen wir dringend einen leichteren und vor allem bezahlbareren Zugang zu Krankenversicherung in den USA."

Ein Haus in Pittsburgh. | Christiane Meier, Studio New York

Ein Haus im Pittsburgher Stadteil "The Hill": Hier leben Schwarze und Weiße aneinander vorbei - die einen in Armut, die anderen relativ komfortabel. Bild: Christiane Meier, Studio New York

"Ich habe schon meine zweite Injektion hinter mir"

Und dann lässt Father Paul zu einer politischen Aussage hinreißen. Viele setzten große Hoffnungen und Träume auf die Wahl, sagt er: "Wenn Biden gewinnt, muss er eine breite Koalition aufbauen, die beide Seiten berücksichtigt. Und er muss sich für die Versöhnung der Bevölkerungsgruppen einsetzen. Wir hatten nie Wahrheits- und Versöhnungsanstrengung wie in Südafrika oder Ruanda. Wir brauchen das hier in den Vereinigten Staaten."

Gerade in Pittsburgh leben die Bevölkerungsgruppen aneinander vorbei: Die einen sind weiß und leben vergleichsweise komfortabel, die anderen sind schwarz und arm - das Rezept für ein Desaster. Dennoch braucht man einander. Die Universität setzt auf "Miss Carla" - und "Miss Carla" auf die Wissenschaft.

Ihr bestes Argument gegen das abgrundtiefe Misstrauen hebt sie sich meist bis zum Schluss auf. Wenn sie gefragt wird, ob sie selbst sich denn für die Impftests anmelden würde, lacht sie fröhlich und kontert: "Ich habe schon meine zweite Injektion hinter mir. Seht her, ich lebe noch."

Mehr dazu sehen Sie am 01. November um 19.20 Uhr im "Weltspiegel" im Ersten.

Über dieses Thema berichtet das Erste in der Sendung "Weltspiegel" am 01. November 2020 um 19:20 Uhr.