Merkel und Trump im August 2019 beim G7-Gipfel in Biarritz | Bildquelle: AFP

Deutsch-amerikanisches Verhältnis Schlecht, schlechter, zerrüttet

Stand: 03.11.2020 15:22 Uhr

Wie steht es nach vier Jahren Trump um das deutsch-amerikanische Verhältnis? Außenpolitiker fast aller Parteien ziehen eine düstere Schadensbilanz.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Norbert Röttgen braucht zwei Worte, um die Schadensbilanz für das transatlantische Verhältnis nach vier Jahren Trump zu beschreiben: "Große Entfremdung". Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses hat Trumps Sicht der Dinge, das Credo  vom "America First", sehr früh sehr ernst genommen.   

"America First kann nur gewinnen, wenn andere einen Nachteil haben. Und da wird auch nicht zwischen China oder Deutschland unterschieden. Daraus resultiert eine Bestrafungsmentalität. Ihr tut das was wir wollen. Wenn nicht, werdet ihr bestraft", fasst es der CDU-Politiker Röttgen zusammen.

Das deutsch-amerikanische Verhältnis, hierzulande jahrzehntelang Goldstandard für enge Verbündete, ist mit Trump unter die Räder geraten.

George W. Bush und Schröder waren auch keine Freunde

Wir gegen den Rest der Welt - so sehe Trump auch das Verhältnis der USA zu Deutschland, sagt der Unionsaußenpolitiker Jürgen Hardt. "Alles Böse kommt von außen. Und da steht Deutschland relativ weit vorne auf seiner Shitlist. Insofern leiden wir sehr darunter, dass der amerikanische Präsident bis hin zu Deutschlandbashing auf der Basis von Faked Facts das Verhältnis beschädigt hat."

Die Tatsache, dass ein US-Präsident das deutsch-amerikanische Verhältnis beschädigen oder geringschätzen kann, haben vor Trump schon andere unter Beweis gestellt: George W. Bush, kein Freund von Gerhard Schröder. Jimmy Carter und Helmut Schmidt, sie fanden einander unausstehlich. Dass aber ein Präsident wie Trump in vier Jahren 70 Jahre Freundschaft derart beschädigen kann, verblüfft Außenpolitiker Röttgen dann doch. "Die Wirkungen, auch die Schäden und die Erfahrung, dass das möglich war und geschehen ist, wird die Amtszeit von Donald Trump überdauern."

Gabriel spricht von einer "schurkischen Supermacht"

Sigmar Gabriel, der Mann, der einst als Außenminister Trump vor den Vereinten Nationen dem Recht des Stärkeren die Stärke des Rechts entgegenhielt, spricht heute mit Blick auf Trumps USA von einer "schurkischen Supermacht". Der SPD-Politiker umschreibt dies so: "Eine Supermacht, die andere und ihre Partner unter Druck setzt. Die nur noch ihre eigenen Interessen durchsetzt, nicht die der Welt im Auge hat."

Deutsche Interessen? Für Trump unerheblich. Das sagte er schon vor zwei Jahren im Weißen Haus. Damals stand Angela Merkel neben ihm. Die Kanzlerin hörte Trump sagen, dass es ihm egal sei, ob die Deutschen ihn grauenhaft finden. Das belege doch nur, dass er einen guten Job mache.

"Verzaubert? Ach so"

Merkel aber hat in vier Jahren Trump alle Illusionen verloren. Ein Präsident, eingehegt vom mächtigsten Amt der Welt? Es kam anders. Für Barack Obama war Merkel Europas Anlaufstelle. Trump reiste in vier Jahren kein einziges Mal nach Berlin. Dass der ehemalige US-Botschafter und Trumpzögling Richard Grenell bilanziert, Trump habe Merkel verzaubert - die Kanzlerin kommentierte es uckermärkisch nüchtern: "Was hätte er mich? Verzaubert? Ach so."

Ach so. Das Gegenteil ist der Fall. Das deutsch-amerikanische Verhältnis entzaubert: Ob Klimaschutz, Handel, Verteidigungsausgaben, Iranabkommen - die Sach- und Tonlage sei längst beschädigt, sagt auch Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour. "Die amerikanische Administration hat in den letzten vier Jahren unsere Souveränität nicht geachtet, den Ton der Freundschaft nicht eingehalten und uns mit großer Rücksichtslosigkeit behandelt, so dass der Schaden erheblich ist."

US-Präsident Trump spricht beim G20-Gipfel mit Bundeskanzlerin Merkel | Bildquelle: dpa
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Verzaubert von Trump wirkt Merkel nicht gerade - hier beim G20-Gipfel im Juni 2019.

Dennoch: Für das derzeitige deutsch-amerikanische Verhältnis, das für Röttgen von "großer Entfremdung" geprägt ist, findet Nouripour ein optimistischeres Wort - "belastbar."

Ob das auch für vier weitere Jahre Trump gelten würde? Fragen bleiben. Eines aber gilt noch immer. Die Empfehlung, die Wolfgang Schäuble vor genau vier Jahren am Vorabend der US-Wahl gab: "Jetzt warten wir halt ab, was die Amerikaner wählen. Hoffen, dass es ein von allen akzeptiertes Wahlergebnis geben wird und glauben an die Vernunft der Demokratie."

Schlecht, schlechter, zerrüttet? Das deutsch-amerikanische Verhältnis
Georg Schwarte, ARD Berlin
02.11.2020 14:53 Uhr

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