Eine Frau mit Cowboyhut hält ein "Latinos for Trump"-Schild in die Höhe. | AFP

Wahl in Texas und Florida Trumps überraschende Unterstützer

Stand: 06.11.2020 13:11 Uhr

Vor der US-Wahl spekulierten viele Demokraten, ob Florida oder gar Texas von ihnen gewonnen werden könne. Es kam anders - und das lag auch an Latino-Wählern.

Von Reinhard Baumgarten, SWR

Sie waren in zwei umkämpften Bundesstaaten das Zünglein an der Waage: Die Stimmen von Wählerinnen und Wählern mit lateinamerikanischem Hintergrund waren ein wichtiger Grund dafür, warum Donald Trump Texas und Florida gewinnen konnte und die Hoffnung der Demokraten sich nicht erfüllte, zumindest einen der beiden Staaten von den Republikanern zu erobern.

Reinhard Baumgarten

Im Vergleich zur Wahl vor vier Jahren konnte Trump in Florida mehr als zwölf Prozentpunkte mehr Latino-Stimmen auf sich vereinen. Insgesamt stimmten 47 Prozent der Latino-Wählerinnen und Wähler in Florida für den Amtsinhaber. Offenbar hatten sich die Demokraten bezüglich der Latino-Wähler zu sehr auf der sicheren Seite gewähnt.

Fast zwei Drittel aller Wählerinnen und Wähler mit lateinamerikanischem Hintergrund haben sich USA-weit als Wähler der Demokraten registrieren lassen. Aber aufgrund ethnischer Herkunft, Sozialisation und kulturellem Hintergrund bilden sie keinen monolithischen Block.

Joe Biden wirbt um Unterstützung von Latinos | AFP

Trotz Kniefall: Joe Biden konnte nicht genügend Latino-Wähler von sich überzeugen. Bild: AFP

Trump stark wegen Bidens Schwäche

Wahlberechtigte mexikanischer oder puerto-ricanischer Abstammung neigen laut einer Studie des Pew Research Center stärker zur Demokratischen Partei als Menschen mit kubanischen, venezolanischen oder kolumbianischen Wurzeln. Sie stellen in Texas und vor allem in Florida eine bedeutende Wählergruppe.

Der Umschwung zugunsten Trumps und der Republikaner begann in Florida schon vor einigen Jahren. 2016 hatten dort noch 62 Prozent der Latinos für die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton gestimmt. Zwei Jahre stimmten noch 54 Prozent der wahlberechtigten Latinos für demokratische Bewerber bei den Gouverneurs- und Senatswahlen.

In diesem Jahr stimmten laut NBC News 55 Prozent der kubanisch-stämmigen Wähler und 30 Prozent der Puerto-Ricaner für Trump. Im stark von lateinamerikanischen Wählern geprägten Wahlbezirk Miami Dade County beispielsweise errang Trump vor vier Jahren 334.000 Stimmen. In diesem Jahr bekam er fast 530.000 und Joe Biden 613.000 Stimmen. Das waren fünf Prozent weniger, als Hillary Clinton 2016 eingefahren hatte.

Hetzkampagne gegen Biden

Trumps kompromisslose Politik gegenüber Kuba und Venezuela hat offenbar viele Latinos in Florida dazu bewogen, für ihn zu stimmen. Das rhetorische Trommelfeuer, sein Herausforderer Joe Biden strebe sozialistische Strukturen in den USA an, verfing offenbar bei vielen Latinos. Trumps Wahlkampf in Texas und Florida war stark auf jene Latinos zugeschnitten, die in erster oder zweiter Generation schlechte Erfahrungen mit sozialistischen Systemen gemacht haben.

In Florida, stellt Michael Werz vom Center for American Progress im Interview mit tagesschau.de fest, habe es eine massive Desinformationskampagne von Trump-Unterstützern gegeben. "Sie richtete sich fast ausschließlich an Latinos und hat versucht, Ängste und Emotionen zu schüren, indem Biden als Sozialist und Kommunist denunziert wurde, der sich mit Castro und Maduro anfreunden würde."

Seit Juni hatte die Trumpsche Wahlkampfmaschine spanisch-sprachige Werbung in lokalen Medien geschaltet, die Biden in die ideologische Nähe lateinamerikanischer Autokraten und Diktatoren rückten. Via WhatsApp Chats und Facebook Feeds verbreiteten Trump-Sympathisanten außerdem inkriminierende Meldungen, der Demokrat Biden habe pädophile Neigungen.

Latino-Wähler demonstrieren in Miami gegen Wahlbetrug und für Trump | CRISTOBAL HERRERA-ULASHKEVICH/EP

Gegen Wahlbetrug und für Trump: Auch in Miami gehen Latino-Wähler auf die Straße. Bild: CRISTOBAL HERRERA-ULASHKEVICH/EP

Trumps Auftreten kommt bei Latino-Männern an

Mitte Oktober schon hatte die "New York Times" in einem Artikel darauf hingewiesen, dass Trump bei Latino-Männern deutlich mehr Zuspruch findet als bei Frauen. Das Blatt beruft sich auf eine Studie des Center for American Women and Politics. Trumps machohaftes Auftreten und seine breitbeinige Art werden demnach bei vielen Latino-Männern wohlwollend aufgenommen.

Laut der Studie wird Trump von dieser Gruppe als kraftvoll, reich und - besonders wichtig - als unverfroren wahrgenommen. Diese Unverfrorenheit wird ihm als positives Attribut zugeschrieben, da er zwar viele falsche Dinge sage, aber - im Gegensatz zu anderen - deswegen nicht zur Selbstgeißelung neige.

An der Ansprache gescheitert

In einem Interview mit der britischen "Financial Times" stellt Guillermo Grenier von der Florida International University fest, die Demokraten hätten es nie vermocht, die Gruppe der in Florida lebenden Kubaner so anzusprechen, wie das die Republikaner tun. Der Annäherungskurs unter Präsident Barack Obama und dessen Vizepräsident Biden an Kuba wurde von vielen Exilkubanern abgelehnt und fand auch bei Latinos aus anderen diktatorisch regierten lateinamerikanischen Ländern kaum Zustimmung.

Grenier wirft in der "Financial Times" die rhetorische Frage auf, warum dann ausgerechnet viele Wähler aus solchen Ländern für einen autoritären Kandidaten wie Trump stimmen? "Meine Schlussfolgerung als jemand, der unter Exilkubaner aufgewachsen ist, lautet: Die Vereinigten Staaten mit ihrer politischen Spaltung und der gähnenden sozialen Ungleichheit werden mehr und mehr wie Lateinamerika."

Über dieses Thema berichtete das Erste am 03. November 2020 um 23:05 Uhr in der Sendung "Amerika wählt - wer wird der nächste Präsident".