Eine Trump-Anhängerin hält ein Bild des US-Präsidenten in den Händen. | AP

Nach der US-Wahl Donald Trump, die lahme Ente?

Stand: 11.11.2020 08:59 Uhr

"Lame Duck" nennt man in den USA einen Politiker, der nach einer verlorenen Wahl als handlungsunfähig gilt. Es ist offensichtlich, dass Donald Trump sich mit dieser Rolle nicht abfinden will. Was kann er noch ausrichten?

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

November 2016: Vor fast auf den Tag genau vier Jahren treffen sich Barack Obama und Donald Trump, um über den Wechsel im Weißen Haus zu sprechen. Trump hat im Wahlkampf immer wieder behauptet, Obama sei gar nicht in den USA geboren und damit kein legitimer Präsident. Eine infame Lüge, eine Schmutzkampagne. Obama bewahrt Haltung. Seine wichtigste Priorität sei es, in den nächsten zwei Monaten einen Übergang zu ermöglichen, der sicherstelle, dass der gewählte Präsident Erfolg hat, sagt Obama damals.

Katrin Brand ARD-Studio Washington

2020 hat eine solche Begegnung auch eine Woche nach der Wahl noch nicht stattgefunden. Und vieles deutet darauf hin, dass Präsident Trump auch gar nicht möchte, dass sein Nachfolger Joe Biden Erfolg hat. Zunächst einmal verhindert Trump, dass der Übergang überhaupt beginnen kann, indem er den Sieg Bidens nicht anerkennt. Und dann hat er nun noch zweieinhalb Monate Zeit, um mit seiner präsidentiellen Macht Entscheidungen zu treffen, die Biden schaden und ihm selbst nützen können.

Wer steht als nächstes auf der Entlassungsliste?

Für Norman Ornstein, Politikwissenschaftler am American Enterprise Institute, war die Entlassung von Verteidigungsminister Mark Esper nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt: "Ich habe wenig Zweifel, dass uns verbrannte Erde erwartet. Das wird Leute betreffen, die mit der Pandemie zu tun hatten und angeblich nicht loyal zum Präsidenten waren. Dazu eine Reihe von Leuten aus der Welt der Geheimdienste", sagt Ornstein in einem Online-Interview.

Dr. Anthony Fauci könnte dazu gehören, der Virologe, den Trump für zu einflussreich hält. Dazu FBI-Chef Christopher Wray und CIA-Chefin Gina Haspel, die Trump ebenfalls schon widersprochen haben. Das alles sorgt für Chaos, und das könnte auch schon der Sinn des Ganzen sein.

Trump dürfte auch ausgiebig von einem Recht Gebrauch machen, das er ohnehin liebt: Menschen zu begnadigen, die seiner Meinung nach unfair behandelt wurden. Roger Stone etwa, seinen früheren Vertrauten, bewahrte er so vor der Haft. Zwei weitere verurteilte Berater, Michael Flynn und Paul Manafort, kämen nun in Frage. Und Trump werde sehr wahrscheinlich seine eigene Familie, seine Mitarbeiter und Mitglieder seiner Regierung begnadigen, sagt Politikwissenschaftler Ornstein - und zwar, bevor überhaupt gegen sie prozessiert wird. Er könnte auch versuchen, sich selbst zu begnadigen. Ob das vor Gericht Bestand hätte, ist allerdings offen.

Stimmungsmache als Seelenschmeichler

Und dann könnte Trump mit präsidentiellen Verfügungen Pflöcke einschlagen, die nur schwer zu entfernen sind. Schon vor der Wahl hat er erlaubt, dass im geschützten Tongass National Forest in Alaska Straßen gebaut und Bäume gefällt werden dürfen. Selbst wenn es Biden gelingt, diese Regelung zu kippen, ist der Schaden in diesem uralten Regenwald nicht wieder gutzumachen.

Und schließlich kann Trump auch weiter das machen, was er so gut kann: Stimmung. Über Land zu ziehen, Geld einzusammeln und sich feiern zu lassen - das könnte Trump die Bestätigung verschaffen, die ihm seit der Wahl fehlt. Und es würde Bidens Versöhnungswerk weiter erschweren.

Falls Biden frustriert und besorgt ist, lässt er es sich im Moment noch nicht anmerken. "Herr Präsident, ich freue mich darauf, mit Ihnen zu sprechen", richtete er Trump gestern übers Fernsehen aus.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. November 2020 um 06:11 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".