Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Deutschland | Bildquelle: dpa

US-Wahrnehmung der Flüchtlingspolitik Versinkt Germany im Chaos?

Stand: 07.09.2016 19:54 Uhr

Die deutsche Flüchtlingspolitik hat auch im US-Wahlkampf einige Aufmerksamkeit bekommen. Die Situation wird von konservativen Medien offenbar stark verzerrt dargestellt - wie Ina Ruck selbst beim Arzt erfahren konnte.

Von Ina Ruck, ARD-Studio Washington

Neulich beim Internisten. Die nette Arzthelferin nimmt Blut ab, misst den Blutdruck, die übliche Prozedur - begleitet vom üblichen Smalltalk.

"Woher sind Sie?"

"Deutschland"

"Oh, how nice! Ich war in Heidelberg."

Und dann: "Darf ich etwas fragen, das vielleicht nicht angemessen ist?" Aha, denke ich: Jetzt fragt sie sicher, was ich von der Wahl halte und von Trump - solche Fragen stellen einem die Leute hier derzeit oft. "Klar", sage ich. Und dann bricht es aus ihr heraus: "Das tut mir alles so leid! Ich kann es gar nicht mit ansehen! Das schöne Deutschland, so viele nette, fleißige Menschen! Eure wunderschönen Städte! Oh, was tut mir das leid."

Ich bin ehrlich erschrocken. Im Wartezimmer hatte mein Handy keinen Empfang, habe ich eine Nachricht verpasst?

Die Lichter der Heidelberger Altstadt mit Schloss und Alter Brücke spiegeln sich im Neckar (Foto von 2011) | Bildquelle: dpa
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US-Amerikaner schätzen die malerischen Seiten Deutschlands: die Heidelberger Altstadt (Archiv) ...

Lebkuchenherzen mit der Aufschrift "Grü߂e vom Oktoberfest" | Bildquelle: picture alliance / dpa
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... und das Oktoberfest mit Bier, Haxn, Fahrgeschäften und Lebkuchenherzen. (Archiv)

"Diese Frau zerstört alles!"

Sie redet weiter: "Was macht diese Frau nur, sie zerstört alles! Das schöne Deutschland!" Langsam dämmert mir, worum es geht. Was denn die Frage an mich sei, frage ich. "Ob Sie nicht Angst haben zurückzukehren nach Deutschland, jetzt, wo all diese Menschen dort sind?" Leute, von denen man nicht wisse, wer Terrorist sei, die hätten doch Frauen vergewaltigt, die seien doch überall und die Deutschen doch bald in der Minderheit. Und Merkel lasse doch immer noch mehr rein.

Ich erzähle ihr, was meine Familie und Freunde mir aus Deutschland berichten. Dass mir das, was sie hier hört - sie sieht nicht fern, sie hört "conservative talk radio shows" - stark übertrieben zu sein scheint. Als sie erfährt, dass ich Journalistin bin, erklärt sich für sie alles: Sie wolle mir nicht zu nahe treten - aber Journalisten glaube sie nicht.

Sorge um "das schöne Land"

Donald Trump | Bildquelle: dpa
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Präsidentschaftskandidat Trump sieht nicht nur die USA durch Migranten in Gefahr.

Warum ich das alles aufschreibe? Weil man Ähnliches hier - vor allem fernab der Metropolen - häufig hört: Deutschland versinke im Chaos, Millionen (plural) Flüchtlinge seien im Land, die Kriminalität sei stark gestiegen. Und oft ist das gepaart mit ehrlicher Sorge um "das schöne Land".

Das ist die Trump’sche Rhetorik, die bis in die Arztpraxen der Demokraten-Hochburg Washington dringt. Auch wenn Trump-Anhänger in der Hauptstadt eine verschwindende Minderheit sind.

Auch später an der Kasse - ich muss jeden Arztbesuch gleich bezahlen - wurde ich wieder auf mein Heimatland angesprochen - wohl wegen der deutschen Kreditkarte: Sie finde es ganz großartig, dass Deutschland die Flüchtlinge aufgenommen habe, sagte die Kassiererin. Und ob es nicht eine Schande sei, dass Amerika so wenig tue.

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