US-Präsident Trump (r.) und sein demokratischer Herausforderer Biden (l.) bei der ersten TV-Debatte. | OLIVIER DOULIERY/POOL/EPA-EFE/Sh
Interview

TV-Debatte "Trump wollte Biden zerstören"

Stand: 30.09.2020 10:06 Uhr

Trump habe zwei parallele Debatten geführt und sich dabei an keine Regel gehalten, meint der frühere US-Botschafter Kornblum. Biden hingegen habe sich "durchgeboxt" - und auch gepunktet.

tagesschau.de: Herr Kornblum, hatten Sie eine gute Zeit, während Sie sich die Debatte angeschaut haben?

John Kornblum: Nein, ein positives politisches Erlebnis war das nicht.

John C. Kornblum
Zur Person

John Kornblum, geboren 1943, trat mit 21 Jahren in den diplomatischen Dienst der USA ein und wurde unter anderem zum Sonderbotschafter für Bosnien ernannt. Von 1997 bis 2001 war er Botschafter in Berlin. Der Germanist und Politikwissenschaftler ist heute für eine internationale Wirtschaftskanzlei tätig.

tagesschau.de: Was hat Sie an der Debatte überrascht?

Kornblum: Überrascht hat mich nichts. Donald Trump war noch aggressiver, ungenauer und unbeherrschter, als es sonst der Fall ist. Wichtig ist die Frage, wie Joe Biden diese Herausforderung gemeistert hat. Er hat einen guten Auftritt gehabt. Es war nicht hervorragend, aber er hat sich durchgeboxt, er hat sich beherrscht. Es gibt immer noch Leute, die sagen, er ist zu alt und zu tatterig. Er hat heute bewiesen, dass er dem Druck und der Aufgabe standhalten kann.

Trumps Regel: Keine Regeln

tagesschau.de: Trump war sehr aggressiv in der Debatte, aber Biden hat auch Zähne gezeigt. Er hat den Präsidenten als Clown bezeichnet und wörtlich gesagt: "Halten Sie den Mund".

Kornblum: Im Grunde war das eine Debatte zwischen drei Menschen: Trump und Biden sowie Chris Wallace. Er ist einer der besten Fernsehmoderatoren in Amerika. Er hat einen ständigen Kampf mit Trump geführt, damit dieser sich an die Spielregeln hält, was er aber in keiner Weise getan hat. Es waren zwei parallele Debatten - Trump mit dem Moderator und Trump mit Biden. Das war insofern interessant, weil es gezeigt hat, dass Trump keine inhaltliche Diskussion mit Biden führen wollte.

tagesschau.de: Corona-Pandemie, Wirtschaftslage, Verlässlichkeit gegenüber Amerikas Partnern, das Verhältnis zu China - Sachthemen gibt es ja genug, über die hätte geredet werden können. Wurden auch echte Argumente ausgetauscht?

Kornblum: Teilweise ja. Biden war gut vorbereitet. Aber er musste oft zurückschlagen, wenn Trump Behauptungen in die Welt setzte, die nachweislich nicht stimmten. Es gab Sachargumente, aber die gingen in der Debatte unter, weil die Auseinandersetzung auf einer anderen Ebene geführt wurde.

US-Bürger verfolgen das erste TV-Duell zwischen Trump und Biden | AFP

US-Bürger verfolgen das erste TV-Duell zwischen Präsident Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden. Bild: AFP

Schaukampf mit wenig politischer Substanz

tagesschau.de: Es war also mehr ein Schaukampf als eine inhaltliche Auseinandersetzung?

Kornblum: Das ist ja das, was Trump immer schon gewesen ist und er auch von sich selbst sagt: Ich bin ein großer Showman. Es gab diese Woche in der "New York Times" einen Artikel, in dem aufgezeigt wurde, dass Trump quasi überhaupt keine Steuern gezahlt hat. Die Schlussfolgerung dieses Artikels war: Trump wurde nicht Präsident, weil er ein großer Geschäftsmann ist, sondern weil er eine erfolgreiche Fernsehpersönlichkeit war.

tagesschau.de: Welchen Erkenntnisgewinn bringt denn so ein Schaukampf?

Kornblum: Es zeigt, dass Trump ziemlich ratlos ist und dass er sich in die Ecke gedrängt fühlt. Er hat überhaupt nicht versucht, über Sachthemen zu diskutieren. Er wollte seinen Gegenkandidaten Biden zerstören. Das ist ihm nicht gelungen.

Biden hat sich offensichtlich gut vorbereitet. Er hat sich einige Male mit sicherlich vorher schon klar formulierten und eingeübten Aussagen direkt an die Zuschauer gewandt. Mehrfach verlässt er das Kampfgetümmel, schaut in die Kamera und sagt, ich möchte jetzt direkt zum amerikanischen Volk sprechen. Er hat dann gut eine Minute lang betont, wie wichtig es ist, wählen zu gehen. Die Blitzumfragen nach der Debatte zeigen, dass er damit offenbar gepunktet hat.

Moderator Chris Wallace hatte bei dem TV-Duell alle Hände voll zu tun damit, die Kandidaten zur Ordnung zu ermahnen. | AP

Moderator Chris Wallace von Fox News war bei dem TV-Duell sehr darum bemüht, dass sich beide Kandidaten an die verabredeten Spielregeln halten. Bild: AP

Gewinner und Verlierer

tagesschau.de: Haben Trump und Biden neue Anhänger durch diese Debatte gewinnen können?

Kornblum: Ich glaube, Trump hat mehr Anhänger verloren, als er neue gewinnen konnte. Umfragen zufolge wissen knapp 90 Prozent der Wähler jetzt schon, wen sie wählen werden. Zehn Prozent sind noch unentschieden. Biden hat nicht unbedingt viele unentschiedene Wähler überzeugt, aber ich glaube, Trump hat durch seinen Auftritt viele Menschen abgestoßen. Etliche Leute werden zu dem Schluss gelangt sein, dass sie Trump auf keinen Fall wählen werden.

tagesschau.de: Biden nannte Trump einen Rassisten, Lügner und Clown. Trump hat ständig die Zähne gefletscht und Biden nie ausreden lassen. Braucht Amerika solche Debatten?

Kornblum: Nein, natürlich nicht. Aber seitdem Trump da ist, ist das so. Als er sich vor vier Jahren gegen 17 andere republikanische Bewerber im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur durchsetzte, hat er dieselbe Methode benutzt. Viele haben damals gesagt, mit dieser unverschämten Art kommt er nicht weit. Bis dahin war die amerikanische Politik immer ziemlich gesittet. Vor vier Jahren hatte er mit seiner aggressiven Methode Erfolg. Jetzt glaubt er, sich auf die gleiche Weise noch einmal durchsetzen zu können.

Schaden für die amerikanische Demokratie

tagesschau.de: Hat die amerikanische Demokratie durch die vergangenen vier Jahre Trump Schaden erlitten?

Kornblum: Diese Art von hässlicher Politik mit aggressiven Anwürfen ist nicht von Trump erfunden worden. Das gibt es schon seit mindestens 20 Jahren. Die Politik der Konfrontation fing Ende der 1960er-Jahre mit der Studentenbewegung und den Protesten gegen den Vietnamkrieg an. Die Konservativen haben diesen Kampf angenommen.

Ein Wendepunkt für die Republikanische Partei war dann Mitte der 1990er-Jahre, als die Republikaner zum ersten Mal seit 40 Jahren die Mehrheit im Abgeordnetenhaus gewonnen haben. Danach kam die erzkonservative Tea Party, die sehr in der Art von Trump debattiert und Politik macht. Trump ist also nicht der Erfinder dieser Politik, aber er hat sehr davon profitiert.

Diese Art Politik zu machen wird sich fortsetzen, aber ein zweiter Trump, also jemand der so verbissen und in seiner eigenen Art auch fähig wie er ist, ist gegenwärtig nicht in Sicht. Aber die Polarisierung der Gesellschaft, die wir auch in Europa erleben, wird weitergehen. Das hat mit ausgeprägten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozessen zu tun.

Das Gespräch führte Reinhard Baumgarten, SWR.

Über dieses Thema berichtete das Erste im ARD-Morgenmagazin am 30. September 2020 u.a. um 07:39 Uhr.