Anhänger von Präsident Donald Trump protestieren gegen die Abstimmung in Nevada vor dem Clark County Election Department in Las Vegas.  | Bildquelle: AP

Dilemma der US-Meinungsforscher "Die sprechen nicht mit uns"

Stand: 20.11.2020 08:22 Uhr

US-Meinungsforscher tun sich zunehmend schwer damit, verlässliche Prognosen für die Präsidentschaftswahl zu treffen. Bei der Analyse der Fehleinschätzungen geht es vor allem um eine Person: den Trump-Wähler.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

US-Präsident Donald Trump gibt zwar nicht zu, dass er verloren hat. Aber er weiß, wer schuld daran ist: die Meinungsforscher. Sie hätten wissentlich falsch gelegen, sagte Trump am Tag nach der Wahl. Sie hätten einen Erdrutsch für Joe Biden vorhergesagt, um seine Wähler zu entmutigen.

Dass sich die ganze Branche gegen ihn verschworen hätte, ist absurd. Aber in einem hat Trump recht: Die Demoskopen lagen falsch, und zwar schon wieder.

Spätestens als die Fernsehsender in der Wahlnacht meldeten, dass nicht Biden, sondern Trump den Staat Florida gewonnen hatte, war klar: Das hier läuft anders als erwartet. Wo Biden laut Umfragen führte, wurde es ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wo Biden angeblich eine Chance hatte, gewann Trump souverän. Viel mehr Menschen als erwartet gingen wählen und viel mehr als erwartet stimmten für den gefühlt schon abgesägten Präsidenten.

Bidens Chancen landesweit überschätzt

2016 hatten die Umfragen vor allem im Mittleren Westen falschgelegen, sagt Charles Franklin, Professor an der Marquette University in Wisconsin. Diesmal? Überall. Über alle Bundesstaaten hinweg sei Bidens Führung im Schnitt mit rund sechs Punkten überschätzt worden.

Dabei hatten die Meinungsforscher geglaubt, aus dem Desaster von 2016 gelernt zu haben. Damals hatten sie Hillary Clinton als die sichere Siegerin gesehen und Trumps Anhängerschaft grob unterschätzt. Als Konsequenz gewichteten sie ihre Umfragen neu, rückten den Faktor Bildung stärker in den Vordergrund und berücksichtigten auch, dass sich in der letzten Woche noch etwas ändern kann.

Die "Autopsie" wird noch dauern

Noch sind die Forscher mit ihrem "Post Mortem", wie sie es nennen, mit ihrer Analyse "nach dem Tod" ganz am Anfang, noch fehlen wichtige Daten. Aber klar sei, dass die Demoskopen schlicht nicht genug Trump-Anhänger in Umfragen gehabt hätten, sagt Scott Keeter vom Pew Resarch Institute, einem Think Tank in Washington. Oder andersherum: Bidens Anhänger seien so begeistert davon gewesen, Trump loszuwerden, dass sie viel eher bei Interviews mitgemacht hätten als Trump-Fans.

Möglich ist außerdem, dass Trump-Wähler ihre Absichten in den Umfragen verschwiegen. Und dann, sagt Keeter, sei da ja auch noch die Pandemie gewesen. Niemand weiß bisher, wie Covid-19 die Amerikaner in ihrer Entscheidung beeinflusst hat, an der Wahl teilzunehmen. Und niemand weiß, wie sich dieser merkwürdige asymmetrische Wahlkampf ausgewirkt hat.

Aus Sorge vor Corona waren die Demokraten vorwiegend im Internet unterwegs, während die Republikaner große Rallys abhielten und an Türen klopften. Und das könnte eine wichtige Rolle dabei gespielt haben, wie die Republikaner ihre Wähler mobilisiert haben, sagt Keeter.

Anhänger von US-Präsident Donald Trump bei der ersten Wahlkampfveranstaltung nach Ausbruch der Corona-Pandemie in Tulsa. | Bildquelle: dpa
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Hoher Mobilisierungsfaktor: Trump setzte trotz Corona auf große Wahlkampfautritte - und zog damit viele Wähler an.

Viele sind nicht erreichbar

Was Professor Franklin umtreibt, ist der Trump-Faktor. Drei bis fünf Prozent seiner Unterstützer würden sich rundheraus weigern, sich befragen zu lassen, von wem auch immer. "Es ist nicht so, dass wir sie nicht anrufen", sagt er, "sie entscheiden sich gezielt, nicht zu antworten". Mit der Folge, dass ihre Meinung in den Umfragen fehlt. Und noch haben die Forscher keine Idee, wie sie diese Menschen künftig erreichen sollen.

Womöglich hat also Trumps Propaganda von den gefälschten Umfragen und der Lügenpresse ihre Wirkung getan. Noch jeder Präsident, sagt Franklin, habe sich über die Umfragen beschwert, Trump aber habe es weiter getrieben als alle anderen. Sollte sich das Misstrauen verfestigen, hätten künftig alle Meinungsforscher ein Problem - egal, ob sie nach dem Präsidenten oder nach Frühstückzerealien fragen.

Kandidat vor der Bücherwand: Biden macht Wahlkampf von zu Hause | Bildquelle: AP
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Deutlich zurückgenommener der Biden-Wahlkampf - lange Zeit vor allem aus seinem Keller in Wilmington (Delaware)

Genauer ohne Trump?

Aber noch ist es zu früh, die Branche für tot zu erklären, meint Franklin. Die Umfragen seien sehr genau, bei demokratischen Kandidaten sowieso, aber auch bei Republikanern - wenn Trump nicht auf dem Zettel steht.

Stellt sich die Frage, was passiert, wenn Trumps Präsenz in der Öffentlichkeit nachlässt. Lässt dann die Wahlbeteiligung schlagartig nach? Oder wenden sich seine Anhänger anderen Republikanern zu? Noch ist das eine hypothetische Frage, denn gerade sieht es so aus, als könnte Trump 2024 noch einmal kandidieren wollen. In zwei Jahren bekommen die Meinungsforscher die nächste Chance. Bei den Zwischenwahlen, den Midterms, steht er nicht auf dem Stimmzettel.

"Die sprechen nicht mit uns": Warum die Demoskopen wieder falsch lagen
Katrin Brand, ARD Washington
20.11.2020 11:23 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 20. November 2020 um 12:50 Uhr.

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