Interview

Beziehungen USA-Pakistan in der Krise "Poltern gehört seit Jahrzehnten dazu"

Stand: 29.11.2011 19:45 Uhr

Die Beziehungen zwischen den USA und Pakistan sind nach dem NATO-Angriff schwer belastet - wieder einmal. tagesschau.de sprach mit dem Pakistan-Experten Conrad Schetter über die pakistanische Absage für die Afghanistan-Konferenz, das Kalkül in Islamabad und die gegenseitige Abhängigkeit beider Länder.

tagesschau.de: Was bedeutet die pakistanische Absage für die Bonner Afghanistan-Konferenz in der kommenden Woche?

Conrad Schetter: Damit fehlt der zentrale Spieler für eine Friedensfindung in Afghanistan. Die Pakistaner gelten als diejenigen, die am ehesten Einfluss auf die Taliban haben. Einen Frieden gibt es nur mit Pakistan.

alt Conrad Schetter

Zur Person

Conrad Schetter ist Wissenschaftlicher Direktor des Internationalen Konversionszentrums Bonn (BICC). Er forscht seit mehr als 20 Jahren zu Konflikten in Pakistan. Schetter ist Co-Autor des Buchs "Der Taliban-Komplex" sowie weiteren Büchern zum Thema.

tagesschau.de: Warum ist Pakistan so wichtig?

Schetter: Erstens gibt es in den pakistanischen Sicherheitskräften sehr starke Verbindungen zu den Taliban. Das bestreitet die Regierung allerdings immer wieder vehement. Zweitens können sich die Taliban in Pakistan recht frei bewegen. Ihr höchstes Gremium kann sich immer wieder in Quetta treffen.

tagesschau.de: Kann die Konferenz ohne die Pakistaner noch ein Erfolg werden?

Schetter: Man darf keinen Durchbruch für den Frieden erwarten. Die Konferenz ist mehr für einen langfristigen Prozess wichtig. Dabei ist es natürlich trotzdem notwendig, dass alle Partner dabei sind.

Jetzt geht es darum, wie es nach dem Abzug 2014 weitergeht, wie zum Beispiel die zentralasiatischen Staaten eingebunden werden können. Weil jetzt nicht nur Pakistan, sondern sowieso auch die Taliban fehlen, ist die zentrale Frage nach deren Rolle natürlich auf Eis gelegt.

Warum beschossen die USA den pakistanischen Grenzposten?

Beerdigung von pakistanischen Soldaten
galerie

Zum Verlauf des US-Angriffs gibt es widersprüchliche Versionen. Die USA zeigen sich aber ungewöhnlich reumütig.

tagesschau.de: Anlass für die pakistanische Abwesenheit ist der US-Angriff auf einen Stützpunkt an der Grenze zu Afghanistan, bei dem 24 Soldaten getötet wurden. Was ist bei dem Angriff passiert?

Schetter: Das ist sehr schwer einzuschätzen, weil man über die Grenzregion sehr wenig weiß und es kaum Zugang gibt. Es gibt zwei Versionen: Die USA sagen, dass sie zuerst beschossen wurden. Das könnte ein Indiz dafür sein, wie sehr die Pakistaner mit den Aufständischen unter einer Decke stecken ...

tagesschau.de: ... die Pakistaner hätten den Aufständischen also den Beschuss genehmigt?

Schetter: Vielleicht. Was man im Westen aber nicht so mitbekommt, weil unser Fokus so sehr auf den Taliban liegt: Auch zwischen Afghanen und Pakistanern hat es immer wieder Grenzscharmützel gegeben. Von daher könnte es auch sein, dass sich Pakistaner von Afghanen bedroht fühlten - und dann sozusagen aus nationaler Selbstverteidigung losgeschlagen haben.

tagesschau.de: In jedem Fall wäre es aber erstaunlich, dass US-Truppen versehentlich stundenlang einen pakistanischen Stützpunkt beschießen.

Schetter: In der Tat. Soweit ich weiß, gibt es einen sehr regen Austausch zwischen pakistanischem Militär, US-Truppen und der NATO. Sie diskutieren, wer wo welche Stützpunkte hat - damit solche Angriffe auf keinen Fall passieren. Es kann aber sein, dass es eine informelle oder neue Stellung war. Anderenfalls müsste man in dem Angriff eine klare Absicht erkennen.

Allerdings zeigen sich die USA ungewöhnlich reumütig und haben sehr schnell reagiert. Das weist auf militärische Fehler hin. Wenn man das mit anderen NATO-Schlägen vergleicht, wo nur scheibchenweise Zugeständnisse gemacht wurden ...

Die Wut der pakistanischen Bevölkerung auf die USA ist gewaltig

Asif Ali Zardari
galerie

Präsident Zardari will zeigen, dass er ein eigenständiges Profil hat.

tagesschau.de: Die pakistanische Reaktion ist sehr heftig. Wie beurteilen Sie das?

Schetter: Das beurteile ich vor allem anhand der pakistanischen Innenpolitik. Man muss die Ereignisse dieses Jahres betrachten: Die Tötung Bin Ladens, die Drohnenangriffe und so weiter. Die Wut in Pakistan ist enorm groß und es gibt einen massiven Antiamerikanismus. Der Regierung wird immer wieder vorgehalten, sie sei eine Marionette der Amerikaner. Ich denke Präsident Asif Ali Zardari bemüht sich, hier gegenzusteuern. Er will zeigen, dass er ein eigenständiges, souveränes Profil hat, indem er auch zu den USA auf Distanz geht - und so die pakistanischen Gemüter beschwichtigen.

tagesschau.de: Das hieße, Pakistans Elite ist gar nicht so empört ...

Schetter: Pakistan hat es in den vergangenen Jahren verstanden, auf der einen Seite antiamerikanische Töne anzuschlagen - und auf der anderen Seite die Hand aufzuhalten, wenn es um Ressourcen ging. Mit dieser Strategie ist die Regierung recht gut gefahren.

"In Afghanistan geht nichts ohne Pakistan"

tagesschau.de: Stärkt dieser Zwischenfall am Ende die pakistanische Position gegenüber den USA?

Schetter: Er zeigt auf jeden Fall ganz deutlich: In Afghanistan geht nichts ohne Pakistan. Das wollen die Pakistaner nochmals unterstreichen. Und er zeigt auch die US-Schwäche. Die ist auf die Transporte über Pakistan nach Afghanistan angewiesen und da sehr verwundbar. Pakistan hat erkannt, dass man den USA etwas vorwerfen kann – und setzt das jetzt ein, um weitere Zugeständnisse zu bekommen.

tagesschau.de: Das klingt nach einem starken Staat. Zuletzt galt Pakistan manchen aber sogar als gescheiterter Staat ...

Schetter: Pakistan ist immer stabiler gewesen als es von außen gesehen wurde. Wir sehen immer die Bedrohung durch Atomwaffen, die Taliban, die ethno-religiösen Spannungen, den Kaschmir-Konflikt - am Ende wundern sich viele, dass dieses Land noch nicht auseinandergefallen ist.

Aber genau diese Konflikte und Feindbilder halten das Land zusammen. Ich halte es für noch stabiler als vor einigen Jahren: Es gibt eine Balance zwischen dem starken Militär und den zivilen Kräften, und die Eliten fühlen sich von anderen gesellschaftlichen Gruppen nicht bedroht. Die Regierung entzieht den Islamisten durch ihre  antiamerikanischen Töne weiter den Boden. Sie ist selbstbewusst - deswegen leistet sie sich den Konflikt mit den USA.

"Jede Seite weiß, wie die andere tickt"

Pakistaner demonstrieren gegen NATO
galerie

Die Wut in der Bevölkerung ist groß - aber die pakistanische Elite hat enge Beziehungen zu den USA.

tagesschau.de: Beobachter sprechen jetzt von einem neuen Tiefpunkt der Beziehungen. Wann kommt der Bruch?

Schetter: Ich sehe erst einmal nur eine kurzfristige Zerrüttung des Verhältnisses. Das wird sich aber bald wieder einspielen. Wir haben es hier mit zwei Partnern zu tun, die seit jeher mit verdeckten Karten miteinander spielen. Gleichzeitig bewältigen sie schon seit 30 Jahren bilaterale Konflikte und wissen sehr gut, wie der andere tickt. Man darf auch die persönlichen Beziehungen nicht übersehen: Sehr viele Mitglieder der pakistanischen Eliten - nicht nur Militärs - wurden in den USA ausgebildet.

tagesschau.de: Könnten beide Seiten überhaupt ohne den anderen?

Schetter: Gegenwärtig nicht. Solange die USA ein Interesse an Afghanistan haben, können sie nicht ohne die Pakistaner. Und die wiederum sind zum Beispiel auch im Konflikt mit Indien stark auf das Bündnis und die wirtschaftliche Unterstützung angewiesen. Ein Ende der Kooperation können sich beide Seiten nicht leisten.

China wird zwar oft als möglicher neuer Verbündeter Pakistans genannt - aber Peking hat kein Interesse, sich in den komplizierten Konflikten der Region stärker politisch zu engagieren.

tagesschau.de: Aus Islamabad hieß es, das "business as usual" mit den USA sei vorbei - es geht es aber weiter?

Schetter: Warten wir einige Monate ab. Irgendwann wird man wieder gemeinsam Tee trinken. Und außerdem gehört gerade dieses Poltern immer schon zu eben jenem "business as usual".

Das Interview führte Fabian Grabowsky, tagesschau.de

Darstellung: