Bewaffnete Männer gehen zu ihrem Kontrollposten im Distrikt Ghorband in der Provinz Parwan (Afghanistan). | REUTERS

NATO-Abzug aus Afghanistan Mit Zivilisten gegen die Taliban

Stand: 02.07.2021 12:46 Uhr

Die USA und ihre NATO-Verbündeten haben ihre letzten Soldaten vom Stützpunkt Bagram abgezogen. Im Kampf gegen die Taliban ist die Bevölkerung nun wieder auf sich gestellt - und rüstet Zivilisten mit Waffen aus.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Alles streng geheim und niemand wurde eingeweiht, als die US-Soldatinnen und Soldaten ihren Stützpunkt in Bagram verließen. Bagram war die größte Militärbasis der USA in Afghanistan. Sie liegt mehr als 50 Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernt - zeitweise waren bis zu 30.000 Truppen dort stationiert.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Die NATO hatte mit ihrem Abzug offiziell am 1. Mai begonnen. Seitdem haben die Taliban viele Offensiven gestartet und rund 100 Bezirke im Land eingenommen. Vor allem im Norden sind die Taliban auf dem Vormarsch, das war das Einsatzgebiet der Bundeswehr, die am Dienstag vollständig aus Afghanistan abgezogen ist. Die afghanische Armee hat große Probleme, die Taliban in Schach zu halten.

"In schwierigen Zeiten immer zu den Waffen gegriffen"

Der Verteidigungsminister von Afghanistan hat vor wenigen Tagen sogar Zivilisten aufgerufen, zu den Waffen zu greifen: "Ich sage allen unseren Patrioten: Steht unseren Soldaten bei - überall im ganzen Land. Die afghanische Regierung ist bereit, euch mit allem zu unterstützen, damit ihr euch verteidigen könnt."

Tausende Männer sind dem Aufruf allein in Masar-i-Scharif gefolgt. Warloards und Parteivorsitzende haben Waffen verteilt. Mit Panzerfäusten und Kalaschnikows stehen einfache Männer nun am Stadtrand, um Masar-i-Scharif gegen die Taliban zu verteidigen.

Ashmatullah ist der Größte hier und scheint das Sagen zu haben in der kleinen Truppe. Eigentlich ist er Taxifahrer, aber kämpfen - das könnten sie hier alle, sagt er stolz. Das hätten die Afghanen einfach im Blut: "Seit 40 Jahren herrscht bei uns Krieg, unsere Väter haben vor 20 Jahren zwar ihre Waffen niedergelegt, und wir sind in die Schule gegangen. Aber unsere Väter sind Gotteskrieger, sie haben uns beigebracht, wie man kämpft. In schwierigen Zeiten haben wir Afghanen immer zu den Waffen gegriffen."

NATO habe nur "Chaos" hinterlassen

Die Männer zeigen in die Ferne und erklären, wo die Frontlinien verlaufen. Drei Kilometer entfernt würden schon die Taliban stehen, kurz davor die afghanischen Truppen und sie hier bildeten die letzte Front. In Sandalen, dreckigen Hemden und mit Waffen, die schon ihre Väter im Kampf gegen die Sowjets benutzt hatten. 

Und jetzt? Obwohl die NATO-Truppen fast 20 Jahre in ihrem Land waren, würden sie jetzt zum Abzug nur Chaos hinterlassen, sagt Ashmatullah: "Im Namen der NATO habt ihr euer Geld hier ausgegeben, eure Waffen ausprobiert und sie hier verkauft. Und jetzt geht ihr hier Hals über Kopf raus und hinterlasst einen kalten Krieg. Ihr seid gekommen, um Terror zu beenden, aber anstatt die Terroristen zu besiegen, gibt es hier jetzt viel mehr von ihnen."

Taliban wollen wieder an die Macht

Die Taliban haben den Abzug der US-Truppen aus ihrem größten Stützpunkt in Afghanistan begrüßt. Einer ihrer Sprecher, Zabihullah Mujahid, sagte: "Das ist ein guter Schritt. Weil die ausländischen Truppen hier im Land waren, hat der Konflikt in unserem Land so lange angehalten. Jetzt können wir Afghanen selber Entscheidungen fällen und die Zukunft unter uns ausmachen."

Wenn es nach den Taliban geht, würden sie wieder an die Macht kommen und in Afghanistan wohl erneut ein islamisches Emirat errichten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Juli 2021 um 12:11 Uhr.