Schülerinnen in Kandahar | Bildquelle: AFP

Afghanistan Die Angst der Frauen vor den Taliban

Stand: 02.03.2020 20:50 Uhr

Während des Taliban-Regimes waren Frauen vom öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Viele befürchten nun, dass die Rückkehr der Islamisten an die Macht ihre Rechte massiv einschränken wird.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Mehr als 18 Jahre nach Beginn des US-geführten Militäreinsatzes in Afghanistan haben die USA und die Taliban am Wochenende ein Abkommen über Wege zum Frieden geschlossen. Während die Vereinbarung von Doha bei vielen Afghanen die Hoffnung auf Frieden geweckt hat, löst die Aussicht auf eine künftige Beteiligung der Taliban an der Macht bei den Frauen im Land eher große Sorge aus.

Seit 2001 hat sich die Lebenssituation vieler Frauen in Afghanistan deutlich verbessert. Mädchen dürfen zur Schule gehen und studieren, was unter den Taliban verboten war. Und in den meisten Bereichen des öffentlichen Lebens sind Frauen berufstätig und selbstständig, während sie unter der Taliban-Herrschaft zwischen 1996 und 2001 nur zuhause arbeiten durften und sich auf der Straße unter einer Burka vollständig verhüllen mussten.

"Glaube nicht, dass Vereinbarung uns schützt"

Hameda Safi, die in Kabul ein Bekleidungsgeschäft führt, glaubt nicht an die Versprechungen der Taliban, dass die Rechte der Frauen respektiert würden. "Ich glaube nicht, dass die Vereinbarung von Doha uns Frauen wirklich schützt", sagt sie. "Da ist vieles sehr vage formuliert. Die Taliban wollen doch gar keinen Frieden. Die werden sich kaum an das halten, was sie in der Vereinbarung unterzeichnet haben."

Die Frauenrechtsaktivistin Shukria Jalaljzay befürchtet, dass viele gut ausgebildete afghanische Frauen das Land verlassen werden, wenn die Taliban zurück an die Macht kommen. "Dabei werden die doch dringend hier gebraucht." Frauen seien in der heutigen afghanischen Gesellschaft weitgehend akzeptiert, erklärt sie. "Aber wir befürchten, dass die Taliban das nicht respektieren werden." Heute könnten Frauen ihre Standpunkte und Interessen offen vertreten. "Aber wird das auch noch möglich sein, wenn die Taliban an der Macht beteiligt werden?"

Zalmay Khalilzad and Taliban co-founder Mullah Abdul Ghani Baradar unterzeichnen ein Friedensabkommen in Doha. | Bildquelle: AFP
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Im Abkommen von Doha ist nur wenig über die zukünftigen Rechte der afghanischen Frauen zu finden.

Die Taliban bleiben vage

Tatsächlich haben sich die Taliban bislang sehr vage dazu geäußert, wie sie die künftige Rolle der Frauen in der afghanischen Gesellschaft sehen. In dem rückwärtsgewandten Konzept des "Islamischen Emirats" während der Taliban-Herrschaft hatten die Männer die alleinige Entscheidungsgewalt.

Die Frauen müssten sich künftig an das islamische Recht halten, sagte der Sprecher der Taliban, Muhammad Suhail Shaheen, in einem Interview mit der ARD. Was immer das konkret heißen mag.

"Was wollen Frauen denn? Sie wollen Sicherheit, das Recht auf Ausbildung und das Recht zu arbeiten." Das würden sie auch bekommen, sagt Suhail. "Aber wir sind eine islamische Gesellschaft, 99 Prozent aller Afghanen sind Muslime. Deshalb müssen sich die Frauen an das islamische Recht halten. Wenn sie einen Schleier tragen, dann wird ihnen auch das Recht auf Ausbildung und Arbeit garantiert."

Auch anderen gehen die neuen Freiheiten zu weit

Frauen in Afghanistan sind heute in der Politik aktiv, arbeiten als Wissenschaftlerinnen, als Fernsehjournalistinnen oder verdienen ihr Geld als selbständige Unternehmerinnen. Sie treiben Sport und machen Musik - alles Aktivitäten, die von den Taliban als unislamisch angesehen werden und gerade den Frauen künftig wieder verboten werden könnten.

Welche Freiheiten die Frauen künftig in der afghanischen Gesellschaft zugestanden werden, soll beim geplanten innerafghanischen Dialog festgelegt werden. Doch nicht nur den Taliban, auch anderen von Männern dominierten gesellschaftlichen Gruppen in Afghanistan, gehen die Freiheiten, die sich die Frauen in den letzten Jahren erkämpft haben, zu weit.

Angst afghanischer Frauen nach dem Taliban-Abkommen mit den USA
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
02.03.2020 20:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 "Morgenecho" am 03. März 2020 um 07:48 Uhr.

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