Ein Mann geht durch das US-Kapitol in Washington. | Bildquelle: AFP

Corona-Krise weltweit Wie die Amerikaner auf Europa gucken

Stand: 17.07.2020 07:00 Uhr

Europa ist das beliebteste Reiseziel der Amerikaner - im Moment sind sie hier aber unerwünscht. Dennoch blickt man in den USA auf europäische Strategien im Corona-Kampf - und hinterfragt die eigenen.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Für diesen Sommer hatte Familie Hasselmann aus Bethesda, einem Vorort von Washington, schon große Pläne: Urlaub in Frankreich wollte Patentanwalt Georg mit seiner Frau und den beiden Söhnen machen. Daraus wird nichts: In der EU sind die vier US-Bürger momentan nicht willkommen.

"Das ist natürlich sehr schade", sagt er. "Wir wären dieses Jahr wieder sehr gerne gefahren. Und besonders frustrierend ist auch, dass man diese ganze Ungewissheit hat und nicht weiß, wann man wieder hin kann." Georg, der aus Westfalen stammt und seit 1996 in den USA lebt, trifft der Einreisestopp doppelt hart:

"Normalerweise fahre ich zweimal im Jahr nach Deutschland, um meine Mandanten zu besuchen. Und ich weiß jetzt einfach nicht, wann ich wieder dahin komme."

Europa ist das Lieblingsziel

Europa ist das weltweite Lieblingsziel der Amerikaner: Fast 18 Millionen US-Bürger fliegen jährlich in die EU. Dass sie nicht erwünscht sind - das sei für viele US-Bürger eine ganze neue Erfahrung, sagt Aaron Boesenecker, Professor für Internationale Beziehungen an der American University in Washington.

"Hier gab es schon so ein paar Diskussionen darüber, dass unser Pass, der sonst so etwas wie ein magischer Türöffner ist, diese Macht momentan nicht mehr hat."

Verständnis hat der Professor trotzdem: Schließlich hätten die Europäer die Pandemie bislang wesentlich besser bewältigt als die USA:

"Es gab natürlich Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Aber insgesamt war die Antwort auf die Krise viel besser koordiniert. Und nicht nur das: Es gibt auch viel größeres Vertrauen in die Wissenschaftler und Experten. Das ist bei unserer Regierung anders. Und sogar in der Bevölkerung wird viel diskutiert, ob man der Wissenschaft trauen kann."

Blick auf Merkel und die Strategien der EU

Die Frage, warum Europa die erste Welle der Pandemie offenbar überwunden hat, während in den USA die Zahlen auf immer neue Rekorde steigen - diese Frage beschäftigt inzwischen sogar die sonst sehr US-zentrierten Fernsehsender. Sogar Angela Merkel wird in den Abendnachrichten bei NBC kurz gezeigt, bei ihrer Rede im Europa-Parlament vergangene Woche.

Ohne Präsident Trump beim Namen zu nennen, so der Reporter, habe die deutsche Kanzlerin erklärt, dass Covid die Grenzen des Populismus entblöße. So recht die Kanzlerin mit ihrer Kritik hat, so schmerzhaft sei sie auch, meint Heather Conley, Europaexpertin bei der Denkfabrik Center for Strategic und International Studies:

"Absolut. Wenn man Vorbild sein will, eine Führungsrolle übernehmen, dann richtet man sein Verhalten nach den Führungspersonen aus, die Erfolg haben. Und unser Führungsverhalten in der Pandemie ist ganz klar kein Erfolg."

Sorge, dass sich bestehende Gräben vertiefen

Die Transatlantikerin fürchtet, dass die Corona-Pandemie die schon existierenden Gräben zwischen Europa und den USA nur noch vertieft. Der derzeitige Einreisestopp - der für Amerikaner in die EU und umgekehrt für Europäer in die USA gilt - sei dafür ein gutes Beispiel.

"Die transatlantischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen wiederzubeleben, das wird unheimlich wichtig sein. Für Europa und für die deutsche Wirtschaft. Und für unsere. Also sollten wir uns keinesfalls darüber freuen. Wir brauchen uns gegenseitig, als Antriebsmotoren für die Wirtschaft."

Aber noch sieht es nicht nach einem Ende der Eiszeit aus. Die Sprecherin des US-Außenministeriums, Morgan Ortagus, versichert auf Anfrage des ARD-Hörfunkstudios Washington zwar, dass die Gespräche intensiv laufen. Und dass sie die Hoffnung auf einen August-Urlaub in Europa auch selbst nur ungern aufgibt.

Aber wann es soweit sein wird, in ein paar Wochen oder Monaten, das könne sie leider auch nicht sagen. Das Wichtigste dabei sei die Sicherheit der Reisenden aus den USA und Europa.

Ein bisschen Neid und viel Frust: Wie Amerikaner derzeit auf Europa gucken
Julia Kastein, ARD Washington
17.07.2020 07:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Juli 2020 um 05:44 Uhr.

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