US-Präsident Trump und sein früherer Verteidigungsminister Mattis | Bildquelle: AFP

Kritik von Ex-Minister Mattis "Darauf haben wir alle gewartet"

Stand: 05.06.2020 10:26 Uhr

Mit seiner Kritik an US-Präsident Trump hat der Ex-General und Loyalist Mattis eine Kehrtwende vollzogen. Mit seiner Haltung scheint er im Militär nicht allein zu sein. Trumps Machtbasis könnte geschwächt werden.

Von Klaus Scherer, NDR

Eine Militärbasis im US-Bundesstaat Kansas. Oberstleutnant John Nagl bildet Truppen für den Irak aus. George W. Bush ist da noch Präsident. Nagl ist mit Leidenschaft und Hingabe Soldat. Studium in Oxford, Militär-Elite-Akademie West Point. Er scheut keinen Wortwechsel mit Vorgesetzten über Strategien und Kriege, die er für widersinnig hielt. Einem Buch, das er darüber schreibt, gibt er den Titel "Vom Versuch, Suppe mit dem Messer zu essen".

Heute schreibt Nagl über einen Präsidenten, den er für widersinnig hält, und fordert in Posts ihm nahestehende Republikaner auf, Donald Trump endlich die Vasallentreue zu kündigen. Umso erfreuter schrieb er nun über James Mattis, den Vertraute "Jim" nennen, Donald Trumps ersten Verteidigungsminister, der sich nach zwei Jahren zurückzog und schwieg. Gegen seinen bisherigen Grundsatz, keinen amtierenden Präsidenten zu kritisieren, brach Mattis gerade sein Schweigen. "Jim", kommentierte Nagl, "darauf haben wir alle gewartet". Denn der Soldat Nagl scheint nicht allein.

Ein Tabubruch

Mattis‘ Tabubruch lässt sich wohl damit erklären, dass er Trumps Tabubrüche inzwischen als bedrohlicher ansieht und die Loyalität zu seinen Landsleuten als wichtiger. Nie habe er einen Präsidenten erlebt, der Amerika derart spalten wolle, statt es zu einen, schrieb Mattis und beklagte den martialischen Einsatz von US-Soldaten, die vor dem Weißen Haus Demonstranten abräumten, nur damit Trump, begleitet vom Stabschef in Tarnfarben, vor einer Kapelle eine Bibel in Kameras halten konnte. Ein "Missbrauch von Regierungsmacht", schlug Mattis Alarm.

Da es wenige Ex-Generäle gibt, die so geachtet sind wie er, breitete sich sein Urteil hörbar aus. Prompt ging auch der amtierende Verteidigungsminister auf Distanz. Dass man von Washington als "Schlachtfeld" sprach, hieß es im Pentagon, sei nicht wörtlich zu nehmen.

Verliert Trump sein wichtigstes Gefolge?

In Trumps Kalkül, nach seinem "Krieg" gegen das Virus nun auch als bibeltreuer Befehlshaber gegen neuen "Terrorismus" zu marschieren, scheint damit das wichtigste Gefolge wegzubrechen, das Militär selbst. Denn viel spricht dafür, dass der Ärger, dem Mattis nun Luft machte, auch im Pentagon und der Truppe mehr Beteiligte umtreibt, als dem Präsidenten lieb ist. "Das Militär wehrt sich", ist sich Nagl, der zuletzt an der US-Marine-Akademie in Annapolis tätig war, sicher. "Der ganze Respekt, den es in der Bevölkerung genießt, wäre sonst dahin."

Weil Trump das bemerkt, weicht er zurück. Vielleicht schicke er ja doch keine Truppen ins Land, konnte man lesen. Und natürlich, dass Mattis schon in immer ein Versager gewesen sei. Bisher funktionierte das. Schließlich konnte er auch schadlos den Kriegshelden John McCain verspotten, dem er vorhielt, dass er in Gefangenschaft geraten war. Und warum sollte er dem Pentagon mehr Respekt zollen als FBI und Geheimdiensten, die er ebenfalls nach Belieben brüskiert hat?

Es wäre nicht einmal verwunderlich, wenn auch Mark Esper bald zu den Ex-Verteidigungsministern zählte, nun da er Zweifel am Präsidenten äußerte. Überhaupt hat Trump schon mehr Ex-Minister und -Berater hinterlassen, als man auflisten mag, manche mussten schon nach Tagen gehen. Mithin: So what?

Senat und "Fox News" als Machtbasis

Mattis‘ Klage jedoch könnte ein anderes Kritik-Kaliber sein. Weil die Armee, für die Mattis noch immer spricht, erstmals auf Landsleute losgehen müsste und damit das simple "good guys" gegen "bad guys" aus der Militärausbildung nicht mehr passt. Weil Bilder das für alle sichtbar machen würden, so wie eben jene vorm Weißen Haus. Und weil keiner so vehement auf Meinungsfreiheit pocht wie Trump selbst, sobald es um seine Tweets und um umstrittene Aktionen seiner Anhänger geht.

Im Machtgefüge, das Trump stützt, kam das Militär indes kaum vor. Ihm genügte der Deal mit seinen Schlüsselsenatoren im Senat, dass er ihnen auf Jahrzehnte eine konservative Mehrheit am Supreme Court sichern werde. Und er brauchte seine Cheerleader bei "Fox News", die dafür als Königsmacher mit ihm die Bühne teilen durften. Bräche nur eines davon weg, geriete Trump ins Taumeln. Dass einem Präsidenten auch das loyale Militär entgleiten kann, galt nur für Schurkenstaaten.

Trump braucht moderate Wechselwähler

Doch nun, da Trump Amerikas Soldaten auf ganz andere Weise heimholen könnte als bei der Wahl versprochen, zum drohenden Inlandseinsatz nämlich, muss er fürchten, dass der Paukenschlag des Patrioten Mattis auch jene erschüttert, auf deren Schultern er bisher recht sicher stand. Im Senat, bei "Fox News" - und so am Ende auch bei moderat konservativen Wechselwählern, die er für seinen Wahlsieg braucht.

Zumal Mattis, wenn er denn nun schon auf dem Medienmarkt ist, noch nachlegen kann, sogar mit giftigem Humor, gegen den Trump nahezu wehrlos ist. Als dieser ihn zuletzt als weltschlechtesten General beschimpft hatte, konterte Mattis noch in geschlossener Runde, dies sei ihm eine Ehre. Immerhin habe Trump auch Meryl Streep als weltschlechteste Schauspielerin bezeichnet, nachdem sie ihn kritisiert hatte. "Ich bin also", sagte Mattis stolz und hob das Glas, "die Meryl Streep unter den Generälen".

Der Autor war von 2007 bis 2012 ARD-Korrespondent in Washington. Er hat Oberstleutnant John Nagl 2007 kennengelernt und seitdem mehrfach getroffen.

In einer früheren Version des Textes hieß es, John Nagl habe zuletzt die US-Marine-Akademie in Annapolis geleitet. Tatsächlich hatte er dort eine Gastprofessur. Wir haben den Fehler entsprechend korrigiert.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Juni 2020 um 12:00 Uhr.

Korrespondent

Klaus Scherer | Bildquelle: NDR/Hendrik Lüders Logo NDR

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