Pfadfinder der Organisation "Boy Scouts of America" tragen eine US-Flagge. | Bildquelle: AFP

Sexueller Missbrauch bei US-Pfadfindern "Dieses Vertuschen hatte System"

Stand: 17.11.2020 16:07 Uhr

Es ist der wohl größte Missbrauchsskandal der US-amerikanischen Geschichte: Mehr als 82.000 mutmaßliche Opfer sexueller Gewalt haben Klagen gegen die Pfadfinderorganisation "Boy Scouts of America" eingereicht.

Von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Es war im Sommer 1977, als die Eltern des zehnjährigen Frank Spinelli im New Yorker Stadtteil Staten Island ein Werbeplakat der "Boy Scouts of America" entdeckten. Vor allem seine Mutter habe es für eine gute Idee gehalten, dass er den Pfadfindern beitritt, erinnert sich Spinelli im US-Radiosender NPR. Sein Vater habe damals zwei Jobs gleichzeitig machen müssen und kaum Zeit gehabt für den gemeinsamen Sohn.

Pfadfinderführer des kleinen Frank wurde ein New Yorker Polizist namens Bill Fox. Irgendwann nahm er den Jungen mit nach Hause und entblößte sich dort vor ihm. "Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen nackten Mann zu Gesicht bekommen", sagt Spinelli. In den drei Jahren bei den Pfadfindern sei er dann Hunderte von Malen von seinem Peiniger vergewaltigt worden.

Mehr als 12.000 mutmaßliche Täter identifiziert

Ein ganz ähnliches Martyrium musste Gill Gayle im Bundesstaat Alabama erleiden: "Bis ich 32 Jahre alt war, habe ich mit Drogen und mit Alkohol gekämpft", berichtet Gayle dem Fernsehsender PBS - nach zahllosen Vergewaltigungen durch seinen Pfadfinderführer.

Die Dachorganisation "Boy Scouts of America" wusste schon früh, dass viele ihrer Schutzbefohlenen ähnlich wie Frank und Gill durch die Hölle gehen mussten: Allein die internen Unterlagen der Organisation aus der Zeitspanne 1965 bis 1985 dokumentieren 12.000 Pfadfinder-Führer, die sich an unzähligen kleinen Jungen vergangen haben sollen. Die Männer wurden ausgeschlossen, aber nie vor Gericht gebracht. "Dieses Vertuschen hatte jahrzehntelang System", beklagt der Opferanwalt Paul Mones.

Hauptquartier der US-Pfadfinderorganisation "Boy Scouts of America" | Bildquelle: AP
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Hauptquartier der "Boy Scouts of America": Vorsorglich Insolvenz angemeldet

Mehr als 82.000 Entschädigungsklagen

Die mutmaßlichen Täter zogen in vielen Fällen um in andere Landesteile - und sollen dort weiter vergewaltigt haben. So auch der Peiniger von Frank Spinelli: Noch 30 Jahre lang, nachdem er sich an Frank vergangen hatte, konnte Bill Fox in Florida und in Pennsylvania sein Unwesen treiben. Es war Spinelli selbst, der Fox schließlich zur Strecke und ins Gefängnis brachte.

Jetzt fordert Spinelli finanzielle Entschädigung von den "Boy Scouts of America". "Mir geht es nicht ums Geld", sagt er. Als Arzt gehe es ihm finanziell gut. "Aber man kann Organisationen nur ändern, wenn man ihnen vor Gericht richtig weh tut." Darauf richtet sich die Pfadfinderorganisation bereits ein: Angesichts von mehr als 82.000 Entschädigungsklagen hat sie vorsorglich Insolvenz angemeldet.

Pfadfinder legen Entschädigungsfonds auf

"Wir fühlen uns für die Missbrauchsopfer verantwortlich und möchten uns entschuldigen", sagt die stellvertretende Sprecherin der Pfadfinderorganisation, Effie Delimarkos. Man habe einen entsprechenden Entschädigungsfonds aufgelegt.

An Geld fehlt es der Organisation grundsätzlich nicht. Die "Boy Scouts of America" besitzen große Grundstücke in allen Landesteilen sowie kostbare Kunstwerke, darunter allein 65 Gemälde von Norman Rockwell. Das Gesamtvermögen der Organisation wird auf über eine Milliarde Dollar geschätzt. Wieviel davon für die Entschädigungszahlungen veräußert werden muss, wird sich im Laufe des Insolvenzverfahrens entscheiden.

Zunächst jedoch gilt es, die über 82.000 gemeldeten Missbrauchsfälle zu untersuchen. Das ist eine Mammutaufgabe, die Jahre in Anspruch nehmen wird.

Amerikas Pfadfinderorganisation insolvent wegen Entschädigungszahlungen
Sebastian Hesse, ARD Washington
17.11.2020 14:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. November 2020 um 15:22 Uhr.

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