Eine Trump-Unterstützerin hat nahe Johnstown eine riesige Figur des Präsidenten aufgestellt. | Stefan Niemann
Reportage

US-Wahlkampf Auf Johnstowns Arbeiter kann Trump bauen

Stand: 21.09.2020 15:31 Uhr

2016 umgarnten die Republikaner Pennsylvanias krisengeschüttelte Stahlarbeiter - und siegten. Trumps versprochenes Wirtschaftswunder blieb zwar aus. Doch in Johnstown halten die Wähler an ihm fest.

Von Stefan Niemann, ARD-Studio Washington

"Wir haben hier jetzt erstmals mehr registrierte Wähler für die Republikaner als für die Demokraten!", erzählt Tony Castiglione stolz. Er hofft, dass Donald Trump erneut gewinnt - in diesem Wahlkreis und im Rest des Landes. Der 70-Jährige steht vor dem weitgehend stillgelegten Stahlwerk, in dem er jahrzehntelang beschäftigt war. Hier in Johnstown im US-Bundesstaat Pennsylvania schlug einst das Herz der amerikanischen Stahlindustrie. Dann kam die Krise. Missmanagement und Dumpingpreise der ausländischen Konkurrenz sorgten für den Niedergang. Desillusioniert wendeten sich viele der ehemaligen Stahlarbeiter von den Demokraten ab.

Stefan Niemann ARD-Studio Washington
Tony Castiglione | Stefan Niemann

Tony Castiglione fühlte sich von den US-Demokraten vergessen - und wählte Trump. Mit seiner Entscheidung ist er sehr zufrieden. Bild: Stefan Niemann

Auch Castiglione fühlte sich im Stich gelassen. Das war die Chance für Trump. Als krasser Außenseiter umwarb er im Wahlkampf 2016 Amerikas vergessene Arbeiter. Mit Erfolg: Auch Castiglione lief zu den Republikanern über - zunächst mit Zweifeln, wie er uns damals erzählte. Zu laut, schrill und geltungssüchtig schien ihm der Präsidentschaftskandidat zunächst. Doch in seinem Wahlkreis holte Trump mehr als doppelt so viele Stimmen wie Hillary Clinton, gewann überraschend auch Pennsylvania, eroberte das Weiße Haus.

Trump sei das Beste für Amerika, meint Castiglione

Und heute? Wie sehen die Wähler hier in Amerikas Rostgürtel ihren Präsidenten? Castiglione ist hochzufrieden. Auch wenn die Arbeitslosigkeit in der Stadt wegen der Corona-Pandemie nun wieder bei rund 14 Prozent liegt - und obwohl Johnstowns Fabrikschlote nicht wieder rauchen wie einst. Niemand habe erwartet, dass Trump Amerikas Stahlindustrie zu alter Blüte führe. Immerhin: Die Zölle auf Stahlimporte aus dem Ausland seien ein Anfang.

Ein Auto eines Trump-Unterstützers | Stefan Niemann

Unverkennbar das Auto von Trump-Unterstützern in Johnstown. Bild: Stefan Niemann

Der Präsident müsse am Ruder bleiben und in einer zweiten Amtszeit Kurs halten, sagt Castiglione. Trump sei das Beste für Amerika. Vom Herausforderer Joe Biden hält er nichts - der werde vom radikalen sozialistischen Flügel der Demokratischen Partei gesteuert. Ein Berufspolitiker, der weder als Senator noch als Obamas Vizepräsident Nennenswertes zustande gebracht habe.

Rossi hat eine Trump-Touristenattraktion eingerichtet

So sieht es auch Leslie Rossi. Die achtfache Mutter ist eine leidenschaftliche Republikanerin: Sie verteidigt Trump gegen jede Kritik. Die verlogenen Demokraten und die notorisch linksliberalen Mainstream-Medien würden den Präsidenten äußerst respektlos und unfair behandeln, meint sie.

Rossi will dagegenhalten. Westlich von Johnstown hat sie ein leerstehendes Haus mit einer riesigen Figur des Präsidenten und Trump-Wahlkampfartikeln zu einer Touristenattraktion gemacht. Die Souvenirs gibt es gratis, bei Rossi kann man sich aber auch ins Wählerverzeichnis der Republikaner eintragen.

Ihr Eindruck: In diesem Teil Pennsylvanias habe Trump 2020 noch mehr Zulauf als vor vier Jahren. Ihr Job sei einfacher geworden, weil die Menschen hier sähen, dass Trump für sie da sei, meint Rossi. Ein Präsident für die einfachen Leute, der anders als der "arrogante" Barack Obama den Bürgern keinen "Bullshit" erzähle.

Eine einsame Demokratin unter Trump-Anhängern

Mit seiner stattlichen Harley Davidson und Ehefrau Rebecca auf dem Sozius fährt Castiglione zu einem Motorradtreffen außerhalb von Johnstown. Dutzende Biker sammeln Geld für einen krebskranken Feuerwehrmann. Fast alle hier haben 2016 für Trump gestimmt.

"Er ist der erste Präsident, der Wort gehalten und seine Wahlversprechen eingelöst hat!", schwärmt Matthew Dolges. Der Autobauer ist überzeugt: Trump hätte Amerika ein Wirtschaftswunder beschert, wenn nicht die verfluchte Corona-Pandemie dazwischen gekommen wäre. Matthew spricht wie sein Präsident nur vom "China-Virus". Und wie Trump hält er Maskenpflicht, Abstands- und Quarantäneregeln für maßlos übertrieben. Wer gesund sei, habe nichts zu befürchten, man könne nicht das ganze Land herunterfahren. Oder sich wochenlang im Keller verstecken, wie Biden, Trumps feiger Herausforderer. Den 77-jährigen Demokraten halten alle Biker für kraft- und ideenlos.

Rebecca und Tony Castiglione | Stefan Niemann

Rebecca Castiglione ist die einzige, die sich bei dem Bikertreffen offen zu den Demokraten bekennt. Bild: Stefan Niemann

Nur Castiglione ist in seiner Wortwahl etwas vorsichtiger als die anderen. Sei es, weil er jahrzehntelang demokratisch gewählt hat, sei es, weil er seine Frau fürchtet. Denn Rebecca ist die einzige Andersdenkende in der Runde der Harley-Fahrer. Sie macht aus ihrer Abneigung gegenüber Trump keinen Hehl: dieser Präsident verachte Frauen und brüste sich mit sexuellen Belästigungen. Er sei eine Schande für das ganze Land, sagt die Lehrerin.

Mit ihrem Mann mag sie darüber nicht mehr streiten. Rund sechs Wochen vor den Wahlen betonen Tony und Rebecca, man müsse lernen, mit Meinungsverschiedenheiten zu leben: im Hause Castiglione, in Johnstown und im Rest der USA.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. September 2020 um 22:35 Uhr.