Eine Frau mit Kopftuch läuft in Teheran an einer Mauer vorbei, auf die die Freiheitsstatue mit einem an einen Totenkopf erinnernden Gesicht gesprayt ist. | Bildquelle: dpa

Analyse der Beziehung Warum die USA Irans Erzfeind sind

Stand: 19.05.2018 13:58 Uhr

Das Verhältnis zwischen den USA und dem Iran ist seit Jahrzehnten gestört. Das könnte überwunden werden. Doch Hardliner beider Seiten ziehen es vor, die Feindschaft weiter zu pflegen.

Von Reinhard Baumgarten, SWR

Seit bald vier Jahrzehnten heißt es in der Islamischen Republik "Marg bar Amrika!" - "Tod für Amerika!". Das Verhältnis zwischen Iran und den USA ist seit der Geiselnahme von Dutzenden US-Diplomaten im November 1979 nachhaltig gestört. Die mutmaßliche Erzfeindschaft zwischen der Islamischen Republik und den Vereinigten Staaten ist ein wichtiges politisches Instrument von Irans Machthabern, meint der Politologe Sadegh Zibakalam von der Uni Teheran. Mehr noch: "Der Anti-Amerikanismus hat den Führern Irans eine Identität gestiftet", sagt der 69-jährige Politikwissenschaftler.

Irans Revolutionsführer, Ajatollah Ali Khamenei, stellte unlängst die rhetorische Frage: "Wo ist das wirkliche Nest für Verschwörungen gegen die Islamische Republik?" Natürlich wusste der 77-Jährige darauf auch gleich die Antwort: "Wenn wir vom Feind sprechen, denken alle Iraner an die USA. Die US-Politiker sollten dieser Tatsache ins Auge schauen und begreifen."

Skepsis gegenüber US-Politik

Bei einer vom Meinungsforschungsinstitut Iran Poll im Auftrag des United States Institute of Peace 2016 unter 1007 Iranern durchgeführten Umfrage befürworteten 68 Prozent mehr Handel zwischen den USA und Iran, 62 Prozent waren für direkte Gespräche auf Regierungsebene und 80 Prozent für mehr gegenseitigen Tourismus. Der Wunsch nach Verbesserung der bilateralen Beziehungen zu den USA ist bei vielen Iranern ausgeprägt.

Gleichwohl überwog schon vor dem Bruch des Atomabkommens durch US-Präsident Donald Trump bei vielen Iranern die Skepsis gegenüber der US-Politik. Nur elf Prozent der Befragten beurteilten die US-Administration positiv, während immerhin 51 Prozent eine überwiegend positive Meinung vom amerikanischen Volk hatte. 

"Iranische Führer brauchen den Anti-Amerikanismus"

Tatsächlich hat in der Islamischen Republik Iran der anti-amerikanische Furor in der iranischen Bevölkerung im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte deutlich nachgelassen. Das Misstrauen gegenüber Washington wird im Wesentlichen genährt durch systemtreue Medien und den politischen Hardlinern um Revolutionsführer Khamenei. "Die iranischen Führer brauchen den Anti-Amerikanismus, um für sich selbst eine historische Verpflichtung und Legitimität zu schaffen", erklärt dazu der Politikwissenschaftler Zibakalam. 

Gründe für Antiamerikanismus gibt es genug

Gründe für diesen Antiamerikanismus hat Washington in der Vergangenheit zur Genüge geliefert. 1953 führt die CIA-Operation "Ajax" zum Sturz des demokratisch gewählten Regierungschef Mohammad Mossadegh. Mohammad Reza Pahlavi kehrt für 24 Jahre gestützt von Washington als autokratischer Herrscher auf den Pfauenthron zurück. Von 1980 bis 1988 unterstützen die USA Iraks Diktator Saddam Hussein im Krieg gegen die neu entstandene Islamische Republik - Hunderttausende Iraner sterben, viele durch irakisches Giftgas.

1983 verhängt der UN-Sicherheitsrat auf Betreiben der USA ein Waffenembargo gegen den Iran. 1995 stellen die USA den Handel mit dem Iran unter Strafe. Vorausgegangen waren Verhandlungen zwischen Teheran und dem US-Ölmulti Conoco, der im Iran Öl fördern sollte. Das State Department hatte während der langwierigen Verhandlungen  grünes Licht signalisiert. US-Präsident Bill Clinton entschied sich dann aber dagegen. Teherans Annäherungsversuch an Washington war gescheitert.

Bush setzt Iran 2002 auf "Achse des Bösen"

2002 benennt US-Präsident George Bush den Iran gemeinsam mit dem Irak und Nordkorea als Teil der sogenannten "Achse des Bösen". Vorausgegangen war eine bis dahin beispiellose Kooperation iranischer und amerikanischer Stellen bei der Bekämpfung der Taliban in Afghanistan. Teherans ausgestreckte Hand wurde erneut zurückgewiesen.

Und nun der Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran durch den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Der Iran, konstatiert Trump immer wieder - begleitet vom Beifall Saudi-Arabiens und Israels -, sei hauptverantwortlich für Chaos, Krieg und Terrorismus im Nahen Osten. Am 8. Mai erklärte er das im Juli 2015 zwischen den 5+1-Staaten und dem Iran geschlossene Atomabkommen für nichtig. 63 Prozent der US-Amerikaner waren laut einer CNN-Umfrage gegen einen Ausstieg aus dem Abkommen.

Hardliner zufrieden mit Trumps Entscheidung

Die Hardliner in den USA und in Israel sind mit Trumps Entscheidung hochzufrieden, denn sie suchen die Konfrontation mit dem Mullah-Regime - wenn es sein muss, auch mit Waffen. Vor 15 Jahren brachen sie aufgrund von Lügen, gefälschter Fakten und windigen Behauptungen einen folgenschweren Krieg gegen Saddam Husseins Irak vom Zaun. Zufrieden mit Trumps Schritt dürften auch die Rüstungsfirmen in den USA, in Europa, Russland und China sein. Die beispiellose Aufrüstung im Nahen Osten geht weiter. Pro Jahr geben die sechs Staaten des Golfkooperationsrates mehr als 100 Milliarden Dollar für Rüstung und Verteidigung aus - der Iran etwa 15 Milliarden.

Die Hardliner im Iran fühlen sich durch Trumps Schritt bestätigt. Inneriranische Opposition kann aufgrund der eskalierenden Lage noch leichter unterdrückt werden. "Anti-Amerikanismus lieferte den islamischen Führern eine revolutionäre Uniform, um leicht die inneriranische Opposition zu unterdrücken, ohne dafür bestraft zu werden", erklärte unlängst Zibakalam in einem ARD-Interview. "Wenn du ein Revolutionär, ein Radikaler bist, wenn du gegen die Vereinigten Staaten kämpfst, dann ist alles, was du tust, in Ordnung. Du bringst diesen Mann und jene Frau zum Schweigen, verbietest diese Zeitung und schmeißt jenen Universitätsprofessor ins Gefängnis."

Vor kurzem erst wurde der renommierte Politikwissenschaftler in Teheran wegen eines "regime-kritischen" Interviews mit der Deutschen Welle zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Er hat Berufung eingelegt, Ausgang ungewiss.

Die mutmaßliche Erzfeindschaft zwischen Teheran und Washington hat konkrete Gründe. Sie könnte überwunden werden. Das hat der Abschluss des Atomabkommens vor knapp drei Jahren angedeutet. Doch Scharfmacher und Hardliner beider Seiten ziehen es aus machtpolitischen, ideologischen und strategischen Gründen vor, die Feindschaft weiter zu pflegen und wenn nötig noch weiter auszubauen.  

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Mai 2018 um 17:00 Uhr.

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