In New York geben Helfer der Organisation "Feeding America" Lebensmittel aus. | AFP

Corona-Pandemie in den USA Auf das Virus folgt der Hunger

Stand: 23.12.2020 12:07 Uhr

Durch die Corona-Pandemie ist vielen Amerikanern das gesicherte Einkommen weggebrochen. Millionen sind auf Spenden und Hilfe angewiesen, um sich zumindest genügend Lebensmitteln versorgen zu können.

Von Jule Käppel, ARD-Studio Washington

Eine vollgepackte Plastik-Tüte bringt José Fuente zum Lächeln. Er habe glücklicherweise Gemüse und andere Lebensmittel von Martha's Table bekommen und sei sehr dankbar.

Die gemeinnützige Organisation teilt seit rund 40 Jahren in der US-Hauptstadt Washington D.C. Essen an Bedürftige aus, doch noch nie waren so viele auf diese Hilfe angewiesen. Menschen wie José, 50 Jahre alt, ein schmal gebauter Latino. Er hat als Übersetzer gearbeitet und als Gärtner. Dann kam die Pandemie. Die Corona-Krise habe ihn hart getroffen. Er wurde arbeitslos und komme - so oft es geht - hierher, erzählt er.

50 Millionen haben nicht genug zu essen

Wie Fuente waren vier von zehn Amerikanerinnen und Amerikanern in diesem Jahr zum ersten Mal bei einer Tafel. Das hat die landesweite Organisation "Feeding America" ausgerechnet. Sie schätzt, dass 50 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten 2020 nicht genug zu essen hatten. Vor der Pandemie waren es 35 Millionen. Und: Der Hunger hat die Mittelklasse erreicht.

Viele Leute, die sich Essen holen, seien aus dem Wohnhaus nebenan, erzählt Antoine, einer der Helfer. Es seien keine Obdachlosen, sondern einfach Menschen in Not. Mit Rucksäcken und Einkaufstrollis warten Frauen und Männer, die meisten Hispanics, fröstelnd in der Schlange. Unter einem weißen Zelt in der Einfahrt steht ein Tisch mit Bananen, Konserven, Bagel-Tüten. Zweimal Kaffee, aber der ist schnell weg.

Vielen fehlen finanzielle Rücklagen

Auch Paulina bekommt nicht mehr, was sie wollte. Müsli sei schon aus, sagt die Helferin Tolu unter ihrer gelben Mütze. Dafür gebe es Cracker. Die 67-jährige Latina greift zu. Sie hatte in zwei Häusern geputzt. Damit kam sie gerade so über die Runden. Sie brauche nicht mehr zu kommen, hat man ihr schließlich gesagt. Es sei schwer, weil sie Miete und Rechnungen bezahlen müsse.

Viele US-Amerikaner leben von einer Gehaltszahlung zur nächsten. Ohne Rücklagen erwischte sie erst die Corona- und dann die Hungerkrise. Sowohl gesundheitlich als auch wirtschaftlich hat es schwarze und Latino-Familien am schwersten getroffen.

In den Schulen konnten ihre Kinder ein günstiges Frühstück oder sogar ein kostenloses Mittagessen bekommen. Dann machten die Schulen dicht und zu Hause gab es zu wenig zu essen.

Der Staat unterstützte im Frühjahr einmalig mit 1200 Dollar. Gerade hat der US-Kongress ein zweites Hilfspaket beschlossen, doch das stößt auf Widerstand bei US-Präsident Donald Trump. Bis das Geld fließt, brauchen Millionen Menschen vor Weihnachten noch Lebensmittelspenden. Die kommen von Supermärkten, Restaurants oder Privatleuten.  

Hungerkrise wird wohl noch Monate andauern

Es kommt Nachschub. Die zierliche Conny Zander ist mit dem Auto vorgefahren und gibt Käse- und Erdnuss-Buttersandwiches ab. Für 100 Personen. Man müsse als Gemeinschaft zusammenhalten, einander in der Not beistehen, sagt Conny. Sie sei in der Position, helfen zu können, also tue sie es.

Die Hungerkrise in den USA wird sich bis ins nächste Jahr ziehen. Die Tafel-Organisation Feeding America warnt, dass in den kommenden Monaten acht Milliarden Mahlzeiten fehlen werden. José mit seiner Lebensmitteltüte schaut optimistisch in die Zukunft und zweifelt nicht an Amerikas Comeback. Das Land sei schließlich stark.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. Dezember 2020 um 10:13 Uhr.