Ein Jemenit steht in Sanaa vor einem Graffiti, mit dem gegen US-Drohnenoperationen protestiert wird. | dpa

Auswertung von US-Attacken Wohl mehr zivile Opfer bei US-Drohnenangriffen

Stand: 19.12.2021 04:18 Uhr

Bei Drohnenangriffen im Nahen Osten nehmen US-Streitkräfte offenbar verheerende Folgen für Zivilisten fahrlässig in Kauf. Das berichtet die "New York Times". Abschüsse seien oft "übereilt" oder "ungenau".

Die USA setzten seit Jahren Drohnen zur gezielten Tötung von Feinden in Syrien, Afghanistan und im Irak ein. Doch so gezielt, wie es dargestellt wird, sind die Attacken offenbar oft nicht. Das ist das Ergebnis einer Recherche der "New York Times". Die Zeitung wertete mehr als 1300 vertraulicher Regierungsdokumente aus. Ihrem Bericht zufolge widerlegen die Papiere die Darstellung der Regierung über einen Krieg mit "Präzisionsschlägen" gegen Dschihadisten.

"Der amerikanische Luftkrieg war geprägt von mangelhafter Aufklärung, übereilten und ungenauen Raketenabschüssen und dem Tod Tausender Zivilisten, darunter viele Kinder", berichtete die Zeitung.

NYT: Zahlen des Pentagon "deutlich untertrieben"

Innerhalb von fünf Jahren flog die US-Armee mehr als 50.000 Luftangriffe in den drei Ländern. Sie hat zugegeben, dass sie seit 2014 bei Luftangriffen in Syrien und im Irak versehentlich 1417 Zivilisten getötet hat. In Afghanistan liegt die offizielle Zahl bei 188 seit 2018 getöteten Zivilisten. Die Recherchen der Zeitung zeigten jedoch, dass die vom Pentagon zugegebenen Zahlen "deutlich untertrieben" seien.

Demnach lagen die US-Streitkräfte mit ihren Einschätzungen über Ziele von Luftangriffen häufig daneben. Menschen, die zu einem bombardierten Ort liefen, wurden als Kämpfer der Gruppe "Islamischer Staat" und nicht als Helfer gesehen. "Einfache Motorradfahrer" wurden als "in Formation" fahrend identifiziert, was als "Zeichen" eines bevorstehenden Angriffs interpretiert wurde.

US-Militär: "Bedauern jeden Verlust eines unschuldigen Lebens"

Den Pentagon-Dokumenten zufolge machten Fehlidentifizierungen nur vier Prozent der Fälle mit zivilen Opfern aus. Die von der "Times" durchgeführte Feldstudie zeigte jedoch, dass es in 17 Prozent der untersuchten Vorfälle Fehler gab und fast ein Drittel der zivilen Toten und Verletzten auf diese zurückging.

Ein Sprecher des Zentralkommandos sagte der Zeitung, dass "selbst bei der besten Technologie der Welt Fehler passieren, sei es durch falsche Informationen oder durch eine Fehlinterpretation der verfügbaren Informationen". Das Militär tue "alles, um Schaden zu vermeiden". Es untersuche jeden "glaubwürdigen" Fall. "Wir bedauern jeden Verlust eines unschuldigen Lebens".

Vorwürfe von NGOs

Die Nichtregierungsorganisation Airwars wirft den Vereinigten Staaten vor, dass im sogenannten Krieg gegen den Terror seit 2001 mindestens 22.000 Zivilisten bei US-Luftangriffen getötet worden sind. In Afghanistan seien es bisher mehr als 4800 gewesen.

"Man muss berücksichtigen, das zivile Opfer fester Bestandteil von US-Luftangriffen sind. Das ist der Fall in Afghanistan und überall auf der Welt seit 20 Jahren - sowohl innerhalb, als auch außerhalb bewaffneter Konflikte", sagte Annie Shiel von der Menschenrechtsorganisation Zentrum für Zivilisten in Konfliktgebieten (CIVIC).

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 19. Dezember 2021 um 10:00 Uhr.