Menschen warten vor einem Arbeitsamt in Salt Lake City. | Bildquelle: dpa

Corona-Krise in den USA "Existenzängste führen zu Suizid"

Stand: 18.05.2020 07:50 Uhr

Isolation, Geldsorgen und ein Gefühl der Ohnmacht bestimmen den Alltag vieler Amerikaner seit Beginn der Corona-Pandemie. US-Wissenschaftler fürchten, dass die Zahl der Suizide und Fälle von Drogenmissbrauch stark zunehmen werden.

Von Claudia Sarre, ARD-Studio Washington

Das Coronavirus fordert nicht nur Menschenleben, sondern die weltweite Pandemie hat auch erhebliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Besonders Menschen, die schon vorher seelisch gelitten hatten, sind betroffen.

Jay aus dem US-Bundesstaat Montana ist eine 33-jährige gesunde Mutter. Als sie vor zehn Jahren eine seltene Hormonkrankheit bekam, schwand ihr Lebensmut. Zweimal habe sie damals versucht, sich das Leben zu nehmen, erzählt die junge Frau. Mit der Pandemie kamen ihre Suizidgedanken plötzlich wieder zurück. Als sie plötzlich Covid-19 Symptome zeigte, hatte sie Angst um ihre Existenz, um ihre Familie und vor allem Angst um ihre eigene Gesundheit.

"Es gab nur einen Ort, an dem ich mich testen lassen konnte. Ich wusste aber nicht, ob sie mich dran nehmen, ich habe mich wirklich krank gefühlt und sehr gestresst. Und dann sind plötzlich diese Suizidgedanken wiedergekommen", erzählt Jay.

Jobverlust und Existenzängste

Diese Gefühle der Verzweiflung und Ohnmacht haben viele Amerikaner in diesen Wochen. In etlichen Bundesstaaten herrscht seit Mitte März Ausgangssperre. Die Massenarbeitslosigkeit hat ein gigantisches Rekordhoch erreicht. Dazu kommen Unsicherheit und Angst vor dem, was noch passieren wird. 

US-Wissenschaftler warnen, dass in den nächsten Jahren bis zu 75.000 Amerikaner zusätzlich entweder durch Alkohol- oder Drogenmissbrauch oder durch Suizid ums Leben kommen werden. Jack Westfall, Direktor des Robert Graham Center in Washington, hat an dieser Studie des Well Being Trust mitgearbeitet.

Jobverlust und die damit verbundene Existenzängste führten am häufigsten zu Suizid, erklärt Jack Westfall im Skype-Interview. "Der zweite Faktor ist die tiefgreifende soziale Isolation. So etwas hatten wir in der Form noch nie. Weder hier in den USA, noch sonst irgendwo. Wir wissen, dass soziale Isolation psychische Störungen hervorruft und damit Suizid und Drogenmissbrauch enorm begünstigt", sagt er.

Anstieg der häuslichen Gewalt

Dazu kommt die Angst, dass man selbst oder ein Familienmitglied an Covid-19 erkranken könnte. Berührt von den Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche sind im Prinzip alle Menschen, erklärt der Mediziner. Aber einige Bevölkerungsgruppen unterliegen einem höheren Risiko. "Am meisten betroffen sind Schwarze und Latinos, die Bevölkerung auf dem Land und  Menschen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status, die schneller arbeitslos werden", erklärt Westfall.

Telefonseelsorge und Stress-Hotlines verzeichnen dieser Tage ein stark erhöhtes Anrufaufkommen. In dieser Krise brauchen auch Menschen Hilfe, die sonst keine depressive Veranlagung haben, erklärt Nancy Lubin von Crisis Text Line, einer SMS-Telefonseelsorge auf CNN: "Zusätzlich sehen wir nun die Auswirkungen der Quarantäne. Häusliche Gewalt hat um 78 Prozent zugenommen, sexueller Missbrauch um 44 Prozent. Außerdem Essstörungen, Drogenmissbrauch, Depression und Isolation."

"Soziale Kontakte sind das wichtigste"

Die US-Regierung muss mehr in die psychische Gesundheit ihrer Bürger investieren, fordert Mediziner Westfall. Dazu gehört schnelles Internet für alle, damit die Bürger zumindest online verbunden bleiben, aber auch die Bereitstellung entsprechender Therapie- und Hilfsangebote. Das wichtigste in dieser Krisensituation, so der Arzt, seien soziale Kontakte. Natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln.

Anmerkung zur Berichterstattung über Selbsttötungen

Üblicherweise berichtet tagesschau.de nicht über Suizide. Wir orientieren uns dabei am Pressekodex: Demnach gebietet die Berichterstattung über Suizide Zurückhaltung: "Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt."

Ein weiterer Grund für unsere Zurückhaltung ist die erhöhte Nachahmerquote nach Berichterstattung über Selbsttötungen.

Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der anonymen Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner.

Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 www.telefonseelsorge.de

US-Wissenschaftler: Coronakrise hat Auswirkungen auf psychische Gesundheit
Claudia Sarre, ARD Washington
18.05.2020 06:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Mai 2020 um 05:45 Uhr.

Korrespondentin

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Claudia Sarre, NDR

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