Konvoi von US-Soldaten und syrischen Kämpfern (Archivbild) | YOUSSEF RABIE YOUSSEF/EPA-EFE/RE

Trump verkündet Syrien-Abzug Welche Rolle spielte Erdogan?

Stand: 20.12.2018 08:36 Uhr

US-Experten sind überrascht, Republikaner sind empört: Präsident Trumps Entscheidung, die Truppen aus Syrien abzuziehen, wird weiter heftig diskutiert. Eine Erklärung könnte in Ankara liegen.

Von Jan Bösche, ARD-Studio Washington

Am Ende siegten die Instinkte: Schon lange wollte Donald Trump die amerikanischen Truppen aus Syrien zurückholen. Der Kampf gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat" war der Grund, sie dort zu lassen.

Jan Bösche ARD-Studio Washington

Aber dieser Kampf sei jetzt gewonnen, sagte Trump: "Wir haben sie geschlagen, wir haben das Land zurückgeholt." Jetzt sei es an der Zeit, dass die Truppen zurückkommen. "Ich bin immer traurig, wenn ich Briefe an Eltern, Frauen, Männer von Soldaten schreiben muss, die im Kampf für unser Land gestorben sind."

Die nächste Kehrtwende

Trump vollzog damit eine weitere Kehrtwende. Noch im Herbst hatte es geheißen, er habe sich überzeugen lassen, die Truppen bis auf weiteres in Syrien zu lassen. Auch, um den Einfluss Irans zu begrenzen - die Trump-Regierung sieht das Land ja als das größte Problem in der Region.

Brett McGurk ist der US-Beauftragte für den Kampf gegen den "Islamischen Staat". Noch in der vergangenen Woche sagte er: "Ich denke, Amerikaner werden dort bleiben, auch wenn der 'Islamische Staat' besiegt ist. So lange, bis wir sicherstellen, dass der Sieg anhält."

Entscheidung gegen Protest in eigenen Reihen

Warum nun doch der Abzug? Abgeordnete und Außenpolitikexperten rätseln. Die Entscheidung soll nach einem Gespräch im kleinen Kreis getroffen worden sein, gegen den Protest von Experten aus der eigenen Regierung.

Eine Rolle könnte ein Gespräch Trumps mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gespielt haben. Der demokratische Senator Tim Kaine fragte darum: "Kürzlich wurde der Verkauf von Patriot-Raketen an die Türkei angekündigt. Ist das Teil eines regionalen Deals, mit syrischen Friedensgesprächen, der Türkei, Russland? Wie hängt das alles zusammen?"

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und der US-amerikanische Präsident Donald Trump im Weißen Haus | REUTERS

Die Präsidenten Erdogan und Trump - hier im Mai 2017 - haben kürzlich miteinander telefoniert. Welche Rolle spielte das Gespräch bei der überraschenden Abzugsentscheidung? Bild: REUTERS

Erdogan stört sich an Unterstützung für Kurden

Erdogan stört sich schon lange daran, dass die USA in Syrien mit kurdischen Truppen zusammenarbeiten. Für die USA waren die Kurden aber verlässliche Partner.

Der republikanische Senator Lindsey Graham - eigentlich ein Trump-Unterstützer - kritisierte darum, es werde künftig schwierig werden, Alliierte zu finden. "Die Kurden sind in Gefahr, durch Assads Syrien, durch die Türkei, den 'Islamischen Staat'. Ich habe den Präsidenten für seine aggressive Politik gegen Iran gelobt - das unterhöhlt das."

Andere Republikaner bezweifelten, dass der "Islamische Staat" wirklich besiegt sei. Adam Kinzinger kritisierte den Rückzug heftig: "Das ist ein Segen für die Rekrutierer des 'Islamischen Staats'. Ich flehe den Präsidenten an, das zu überdenken. Das ist keine Schande. Es ist schon Schaden angerichtet worden - aber weniger, als wenn alle zurückgeholt werden."

Nur wenig Zustimmung

Vereinzelt gab es aber auch Zustimmung, zum Beispiel von Senator Rand Paul. Er sei froh, einen Präsidenten zu sehen, der einen Sieg verkündet und Truppen nach Hause holt. Es sei lange her, dass das zuletzt geschehen sei.

Prinzipielle Zustimmung gab es auch von Steven Simon, Nahost-Experte, er arbeitete für die Obama-Regierung. Im Fernsehsender PBS kritisierte er zwar die Entscheidung als überstürzt - sagte aber, mit einer Militärpräsenz könne man das Problem "Islamischer Staat" nicht lösen: "Die Ideologie kann nicht so einfach abgeschafft werden, sie wird bleiben. Sie loszuwerden, ist keine Militärmission. Fakt ist, die USA haben ihr Hilfsprogramm abgeschafft, für die Gebiete, in denen der 'Islamische Staat' operiert hatte."

Die USA begannen im Jahr 2014 mit Luftangriffen in Syrien, ein Jahr später zogen Bodentruppen dort in den Kampf gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat". Derzeit sollen dort rund 2000 Soldaten im Einsatz sein.

Über dieses Thema berichteten am 19. Dezember 2018 die tagesschau um 20:00 Uhr und das nachtmagazin um 00:20 Uhr. Am 20. Dezember 2018 berichtete NDR Info um 07:08 Uhr.

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KOMMENTARE

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Inge N. 20.12.2018 • 12:45 Uhr

@Hackonya2

Natürlich kann in der Türkei jemand mit kurdischer Abstammung AKP-Abgeordneter werden, wenn er sich assimiliert hat und die Erdogan-Politik mitträgt. Wer sich aber für eigene demokratische Strukturen und Selbstverwaltung einsetzt, wird zum Terroristen erklärt. Amnesty International hat dem türkischen Staat die Vertreibung von geschätzt einer halben Million Menschen im Südosten des Landes vorgeworfen. Das käme einer "kollektiven Bestrafung" gleich. Dies ist laut humanitärem Völkerrecht verboten.