Unterstützer von Joe Biden feiern auf der Straße | AFP

Nach dem Sieg Bidens "Es ist vorbei!"

Stand: 08.11.2020 12:59 Uhr

In den USA ist viel von Heilung und Versöhnung die Rede. Im ganzen Land wird der bevorstehende Machtwechsel gefeiert. Aber die Anhänger von Amtsinhaber Trump wollen nicht aufgeben. Sie glauben noch immer an Wahlbetrug.

11:30 am Vormittag in Washington: Hupkonzerte auf den Straßen der Hauptstadt. Die "Black Lives Matter"-Plaza in der Nähe des Weißen Hauses füllt sich, überall sind spontane Jubelschreie zu hören, Kirchenglocken läuten minutenlang. "Wir sind so glücklich. Die beste Nachricht überhaupt. Joe Biden ist unser 46. Präsident und Trump ist gefeuert!", jubelt ein Ehepaar. Es sei fast so, als hätte man eine Meisterschaft gewonnen, sagt der 26-jährige Adam. Seine Nachbarin Heather hat schon mal den Champagner kaltgestellt.

Die Nachricht erreichte sie beim Einkaufen, beim Joggen, im Fitnessstudio. Und im ganzen Land brach Jubel aus. Vor allem in den Städten an Ost- und Westküste versammelten sich spontan Tausende Menschen, um zu feiern.

"Das hier ist, was wir sein müssen"

"Dass die New Yorker derart auf den Straßen jubeln, das hat es zum letzten Mal gegeben, als 1974 Richard Nixon zurückgetreten ist", sagt Jonathan Baker. Auch er stößt auf den Sieg Bidens an. Überall Jubelschreie und Händeklatschen. Die New Yorker klappern mit allem was sie finden können, liegen sich in den Armen. Tausende versammeln sich auf dem Times Square, unter ihnen auch Justine Gabry mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern. "Ich musste einfach hier raus kommen und meinen Kindern zeigen, dass das hier Amerika ist. Das hier ist, was wir sein müssen. Wir haben viel Arbeit vor uns, aber wir können es schaffen."

 "Es ist vorbei. Gott sei dank!"  - von vier dunklen Jahren sprechen hier viele. Ausgerechnet in Trumps Heimatstadt ist die Freude über Bidens Sieg mit am größten. "Heute, das bedeutet Freiheit für alle Amerikaner. Und Kamala Harris als erste schwarze Frau als Vizepräsidentin zu haben, ist ein riesiger Schritt, der vielen Menschen in diesem Land sehr viel bedeutet", sagt TJ Newton.

Selbst die US-Post wird bejubelt. Als an einer Kreuzung ein Postlieferwagen an einer Ampel hält, laufen einige auf den Fahrer zu und drücken ihm Blumen in die Hand. "USPS", skandiert die Menge. "Ihr habt mit den Briefwahlzetteln den Sieg geliefert", ruft ein Mann.

"Be ready for the change" - "Macht euch bereit für Veränderung" - singen Aktivisten der "Black Lives Matter"-Bewegung in Los Angeles, während sie auf dem Walk of Fame Bidens Sieg feiern. In San Francisco tanzen die Menschen mit Regenbogenfahnen und US-Flaggen auf der Golden Gate Brücke.

Vielleicht ist es doch noch nicht vorbei

Und so groß die Erleichterung ist, so deutlich spürbar ist auch die Skepsis. "Ich bin gespannt, er muss jetzt liefern", sagt eine Frau. Biden war nicht für alle der Wunschkandidat. Einigen ging es weniger darum, dass er gewählt wird als um die Abwahl Trumps. "Ich denke Biden ist eher ein Platzhalter", sagt zum Beispiel ein Mann in San Francisco, "Die nächsten Jahre wird man reparieren müssen, was der orange-farbene Mann unserem Land angetan hat".

Ungeachtet allen Jubels bleibt auch die Befürchtung, dass es doch noch nicht das Ende der Ära Trump sein könnte oder der erhoffte Wandel nicht kommt. Zwar blieben Unruhen bisher aus, aber trotzige Trump-Fans wollen die Wahl nicht verloren geben. Wie der Präsident selbst, gestehen sie die Niederlage nicht ein, versammeln sich ebenfalls in vielen Städten. "Es ist nicht vorbei!", rufen sie vor dem Kapitol in Atlanta im Bundesstaat Georgia - einer der Staaten, der mit zum Sieg Bidens beigetragen hatte. "Hier läuft Wahlbetrug", erklärt Jordan Kelly, der eigens aus dem benachbarten Tennessee angereist ist. Er glaubt fest daran, dass die Stimmen in Georgia zugunsten von Biden falsch ausgezählt worden sind.

Anhänger von US-Präsident Trump haben sich in Beverly Hills versammelt | AFP

Anhänger des unterlegenen US-Präsidenten Trump versammeln sich wie hier in Beverly Hills, um gegen den Wahlausgang zu protestieren. Sie tragen Schilder mit Aufschriften wie "Demokraten hassen Amerika" oder "Hindert Biden daran, die Wahl zu stehlen". Bild: AFP

"Die Wahl ist noch nicht entschieden"

Auch in Phoenix, Arizona, kommen nach der Bekanntgabe von Bidens Sieg innerhalb von wenigen Stunden mehr als 1000 Teilnehmer vor einem Wahlzentrum zu einer Pro-Trump-Demonstration zusammen. Einige von ihnen sind bewaffnet. Zu sehen sind Transparente mit den Hashtag "#StoptheSteal" - "Stoppt den Diebstahl". "Diese Wahl ist noch nicht für entschieden erklärt!", ruft Jake Angeli. Er glaubt, dass sich die Sache für den abgewählten Präsidenten noch irgendwie drehen lässt. "Trump sieht immer so aus, als ob er verlieren würde. Und dann gewinnt er."

Im Norden von Las Vegas vor der Wahlbehörde des Bezirks Clark County in Nevada hat sich Frank Dobbs mit einer blauen Trump-Flagge postiert. Auch er spricht von Betrug und hofft, dass es noch nicht vorbei ist. "Die Medien entscheiden nicht, wer die Präsidentschaft gewinnt. Die legalen Wähler dieses Landes entscheiden", sagt er. Und es gebe noch immer die Gerichte. "Wenn bewiesen wird, dass wir verlieren, wenn es vor den Gerichten bewiesen wird, dann verlieren wir eben", erklärt Dobbs. "Wir kommen in vier Jahren zurück."

Mit Informationen von Claudia Sarre, ARD-Studio Washington; Antje Passenheim, ARD-Studio New York, Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles

Über dieses Thema berichteten am 08. November 2020 tagesschau24 um 09:00 Uhr und NDR Info im "Mittagsecho" ab 13:05 Uhr.