Ein Besucher der Gedenkstätte für Flug 93 in Shanksville (Archivbild) | Bildquelle: AP

9/11-Gedenken in Shanksville Wahlkampf auf dem "Feld der Ehre"

Stand: 11.09.2020 03:43 Uhr

Jedes Jahr kommen Politiker zum Gedenken an den 11. September 2001 nach Shanksville. Auch die Wahlkämpfer Trump und Biden werden erwartet. Die Auseinandersetzung soll dabei eigentlich ruhen, doch der Burgfrieden wackelt.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Um 9:58 Uhr am 11. September 2001 ruft die Flugbegleiterin CeeCee Lyles ihren Mann Lorne an. "Schatz", sagt sie, "unser Flugzeug ist entführt worden". Sie seien ins Cockpit eingedrungen, erzählt sie, sagt, dass sie ihn und ihre Kinder liebe, dass nun offenbar das Flugzeug abstürze, und dann bricht der Anruf ab. So schildert es Lorne Lyles später dem FBI.

Flug 93 ist eine der vier Maschinen, die am 11. September von islamistischen Attentätern gekidnappt werden. Zwei werden ins World Trade Center in New York gelenkt, eine stürzt ins Pentagon in Sichtweite des Weißen Hauses. Flug 93 rast in einen Acker nahe Shanksville, Pennsylvania. Eine Gruppe beherzter Passagiere hatte das Cockpit gestürmt und die vier Attentäter davon abgehalten, die Maschine ins Capitol von Washington zu steuern. 44 Menschen sterben: sieben Crew-Mitglieder, 33 Passagiere, vier Attentäter.

Gedenken im "Swing State"

Flug 93 ist eine amerikanische Heldengeschichte. Auf dem Acker, der nun "Feld der Ehre" genannt wird, erinnert eine Gedenkstätte an die Helden und Opfer. Und diesen Ort steuern heute, zum 19. Jahrestag, die beiden Wahlkämpfer Donald Trump und Joe Biden an.

Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Jedes Jahr kommen Politiker zur Gedenkveranstaltung, bei der die Namen der Toten verlesen werden. Doch Shanksville, das gibt dem Besuch einen Beigeschmack, liegt in Pennsylvania, einem Bundesstaat, den Donald Trump vor vier Jahren hauchdünn gewann. Und auch dieses Jahr könnte der "Swing State" die Wahl mitentscheiden.

Gedenkfeier für den Flug 93 in Shanksville (Archivbild) | Bildquelle: AP
galerie

Gedenkfeier für den Flug 93 in Shanksville. 44 Menschen starben beim Absturz des Flugzeugs in das Feld in Pennsylvania.

Burgfrieden am Jahrestag

Doch es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, dass am 11. September die politische Auseinandersetzung zurückgefahren wird und vor allem der Wahlkampf zu ruhen hat. Präsident George Bush und sein Herausforderer John Kerry von den Demokraten sollen diese Regel im Wahlkampf 2004 eingeführt haben. Seither wird sie eingehalten, weitgehend zumindest. Barack Obama und John McCain etwa, die 2008 gegeneinander antraten, begingen den Tag betont ernsthaft und würdevoll. Sie gingen sogar soweit, Seite an Seite Rosen an Ground Zero in New York niederzulegen.

Vier Jahre später allerdings ließ es sich Herausforderer Mitt Romney von den Republikanern nicht entgehen, Präsident Obama anzugreifen. Das US-Konsulat in Bengasi war angegriffen worden, und Romneys Team setzte eilig ein Statement ab, in dem Obama beschuldigt wurde, mit den Angreifern zu sympathisieren. Das sei übereilt und dumm gewesen, hieß es sogar von Republikanern, unter anderem weil Romney die Feiertagsruhe nicht eingehalten hatte.

Auch Donald Trump und Hillary Clinton verständigten sich 2016 darauf, den 11. September friedlich zu begehen und zum Beispiel keine Fernsehwerbung zu schalten. Beide wurden bei der Gedenkfeier an Ground Zero gesehen, wenn auch nicht zusammen. Der Tag blieb vor allem deshalb in Erinnerung, weil Clinton auf wackligen Beinen stolperte und später einen Schwächeanfall einräumte. Trump wartete immerhin bis zum nächsten Tag, um dann Clinton anzugreifen: Sie sei nicht gesund genug für den Präsidenten-Job.

Bitte an die Wahlkämpfer

Der jetzt schon hoch erhitzte Wahlkampf 2020 könnte noch drastischer und persönlicher werden. Biden und Trump werfen sich gegenseitig vor, nicht nur gesundheitlich, sondern auch mental und moralisch "unfit for President" zu sein, wissentlich die Amerikaner zu belügen und überhaupt das Land in den Untergang zu treiben.

Ende August hat sich Initiative "9/11 Day" an Trump und Biden gewandt. Die gemeinnützige Organisation, die die Erinnerung wachhalten will, schrieb an beide Wahlkämpfer, sie sollten sich doch bitte an die Tradition halten: keine Werbung an diesem Tag, keine Kampagnen und Parteipolitik sowohl bei Auftritten als auch im Netz oder Fernsehen. Stattdessen sollten sie das Dienen, die Erinnerung, die Einheit und das Gebet in den Vordergrund stellen. Doch anders als bisher haben sich die Wahlkämpfer, Stand jetzt, auf keine solche Selbstverpflichtung eingelassen.

Begegnen sich Trump und Biden?

Bisher sind sich Trump und Biden im Wahlkampf noch nicht begegnet, in Michigan etwa haben sie sich gerade um einen Tag verpasst. Heute könnte es knapper werden, auch wenn die Abläufe noch nicht bekannt sind. Trump wird um neun Uhr mit seiner Regierungsmaschine auf einem benachbarten Flughafen landen und dort wahrscheinlich ein Statement abgeben. Um 9:45 Uhr Ortszeit, zur Stunde des Absturzes vor 19 Jahren, wird er an der Gedenkfeier in Shanksville teilnehmen, die wegen der Pandemie diesmal nur 20 Minuten dauern soll.

Wann Joe Biden zur Gedenkstätte kommt, ist noch nicht bekannt. Er würde sich freuen, dem Präsidenten zu begegnen, sagte er vorige Woche vor Journalisten.

9/11: Wahlkampf auf dem "Feld der Ehre" - Trump und Biden in Pennsylvania
Katrin Brand, ARD Washington
11.09.2020 06:47 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. September 2020 um 08:00 Uhr.

Korrespondentin

Darstellung: