US-Soldaten bei einer Schulung für die afghanische Armee in Herat | Bildquelle: JALIL REZAYEE/EPA-EFE/REX

Afghanistan und Irak Trump schafft mit Truppenabzug Fakten

Stand: 17.11.2020 21:17 Uhr

Kurz vor Ende von Donald Trumps Amtszeit ist es nun so weit: Die US-Truppenstärke in Afghanistan und im Irak wird verringert. Das sorgt für Kritik und Besorgnis - auch unter verbündeten Republikanern.

Jetzt ist es offiziell: Die USA senken auf Anordnung von Präsident Donald Trump ihre Truppenstärke in Afghanistan bis Mitte Januar von rund 4500 Soldaten auf 2500 Soldaten. Das kündigte der geschäftsführende Verteidigungsminister Christopher Miller an. Die Zahl der Soldaten im Irak soll demnach bis zum 15. Januar um rund 500 auf ebenfalls 2500 abgesenkt werden. Damit würde der beschleunigte Teilabzug der US-Truppen noch vor der Amtseinführung des gewählten Präsidenten Joe Biden erfolgen. Seine Vereidigung ist für den 20. Januar geplant. Mehrere US-Medien hatten bereits über entsprechende Vorbereitungen berichtet.

Zu der Zahl der Soldatinnen und Soldaten, die derzeit in Afghanistan und im Irak stationiert sind, hielt sich das Verteidigungsministerium bedeckt. Dem US-Sender CNN zufolge sind es derzeit noch 4500 Soldaten in Afghanistan und 3000 im Irak.

Der Teilabzug folgt auf die Wahlniederlage Trumps gegen Biden. Kurz danach hatte der amtierende Präsident Verteidigungsminister Mark Esper entlassen, was wiederum die Neubesetzung hochrangiger Positionen im Pentagon mit Trump-Befürwortern nach sich zog. So wurde der ehemalige Heeresoffizier Douglas Macgregor zum leitenden Berater des geschäftsführenden Ministers Miller ernannt. Macgregor ist als Kritiker der Einsätze im Irak und in Afghanistan bekannt. Esper hatte dagegen darauf gepocht, an einer Truppenstärke von 4500 Soldaten in Afghanistan festzuhalten.

Scharfe Kritik der NATO

Trump hatte bereits im Wahlkampf 2016 versprochen, Truppen nach Hause zu holen. Er drängte insbesondere auf den Abzug aus Afghanistan. US-Medienberichten zufolge war er zuletzt zunehmend frustriert über das Tempo des Abzugs. Die Pläne hatten zu Kritik und Sorgen bei der NATO und auch bei Trumps Republikanern geführt. Befürchtet wird ein Wiedererstarken der radikalislamischen Taliban, die derzeit mit der afghanischen Regierung Friedensgespräche führen.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte, er erwarte, dass alle Alliierten ihre Zusage einhielten, Afghanistan nur abgestimmt und geordnet zu verlassen, wenn die Zeit dafür reif sei. "Wir sind seit fast 20 Jahren in Afghanistan, und kein NATO-Verbündeter will länger bleiben als nötig", betonte Stoltenberg. Der Preis für ein zu schnelles oder unkoordiniertes Verlassen des Landes könnte aber sehr hoch sein, sagte Stoltenberg.

Afghanistan drohe wieder ein Rückzugsort für internationale Terroristen zu werden, die Angriffe auf NATO-Länder planten. Zudem könnte die Terrormiliz "Islamischer Staat" dann in dem Land das Terror-Kalifat aufbauen, das es in Syrien und im Irak verloren habe.

Auch führende Republikaner im US-Kongress hatten vor einem voreiligen Rückzug aus dem Land gewarnt. "Es gibt keinen Amerikaner, der sich nicht wünscht, dass der Krieg in Afghanistan gegen Terroristen und ihre Helfer bereits endgültig gewonnen wäre", erklärte der Mehrheitsführer im US-Senat, Mitch McConnell. "Aber das ändert nichts an der eigentlichen Entscheidung, die vor uns liegt." Ein rascher Abzug der US-Streitkräfte "würde unseren Verbündeten schaden und den Menschen gefallen, die uns Unheil wünschen."

Friedensprozess geriet ins Stocken

Der Krieg in Afghanistan ist der längste in der Geschichte der USA. Seit 2001 sind amerikanische Soldaten in dem Land. Nach den Anschlägen vom 11. September jenes Jahres waren von den USA angeführte Truppen dort einmarschiert. Ende Februar hatten die USA mit den militant-islamistischen Taliban Ende Februar ein Abkommen unterzeichnet, das den schrittweisen Rückzug aller US- und Nato-Streitkräfte bis Ende April 2021 in Aussicht stellt. Die Taliban verpflichteten sich zu Friedensgesprächen mit der Regierung in Kabul, die im September aufgenommen wurden. Der Prozess geriet im Streit um Verfahrensfragen jedoch ins Stocken.

Welche Auswirkungen die neuerlichen US-Kürzungen auf das Engagement der Bundeswehr haben könnten, ist noch unklar. Derzeit sind rund 1000 Soldatinnen und Soldaten im Norden Afghanistans stationiert. Das aktuelle Mandat des Bundestags sieht den Einsatz von bis zu 1300 vor.

Raketenangriffe nahe US-Botschaft im Irak

Kurz nach der Ankündigung des Truppenabzugs - und nur wenige Stunden nach dem Telefonat des US-Außenminister Mike Pompeo mit dem irakischen Ministerpräsidenten Mustafa al-Kadhemi - wurden aus der irakischen Hauptstadt Bagdad mehrere Raketenangriffe nahe der US-Botschaft gemeldet. Berichten zufolge schlugen vier Raketen in der sogenannten Grünen Zone ein. Dort befinden sich das hoch gesicherte Regierungsviertel sowie die Botschaften der USA und anderer Länder. Die Raketen seien aus dem Osten der Hauptstadt abgefeuert worden. Über mögliche Opfer gab es keine Angaben. Zu dem Angriff bekannte sich bislang niemand.

Seit Oktober vergangenen Jahres wurden im Irak fast 90 tödliche Anschläge mit Raketen und Bomben auf ausländische Botschaften, Truppen und Einrichtungen verübt. Die USA haben wiederholt pro-iranische Milizen wie die schiitischen Hisbollah-Brigaden für die Anschläge verantwortlich gemacht. 

Trump ordnet Abzug von Soldaten aus Afghanistan an
Arthur Landwehr, ARD Washigton
18.11.2020 06:41 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 17. November 2020 um 21:35 Uhr.

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