US-Armee in Afghanistan (Archivbild) | Bildquelle: REUTERS

US-Soldaten in Afghanistan NATO warnt vor schnellem Truppenabzug

Stand: 17.11.2020 13:59 Uhr

US-Präsident Trump will offenbar noch während seiner Amtszeit Soldaten aus Afghanistan zurückholen. NATO-Chef Stoltenberg warnt vor einem hohen Preis des Abzuges und erinnert die USA an den Grund des Einsatzes.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat den noch amtierenden US-Präsidenten Donald Trump vor einem überhasteten Abzug von Truppen aus Afghanistan gewarnt. Er erwarte, dass alle Alliierten ihre Zusage einhielten, Afghanistan nur abgestimmt und geordnet zu verlassen, wenn die Zeit dafür reif sei.

"Wir sind seit fast 20 Jahren in Afghanistan, und kein NATO-Verbündeter will länger bleiben als nötig", betonte Stoltenberg. Der Preis für ein zu schnelles oder unkoordiniertes Verlassen des Landes könnte aber sehr hoch sein, sagte Stoltenberg.

Warnung vor Wiedererstarken des IS

Afghanistan drohe wieder ein Rückzugsort für internationale Terroristen zu werden, die Angriffe auf NATO-Länder planten. Zudem könnte die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) dann in dem Land das Terror-Kalifat aufbauen, das es in Syrien und im Irak verloren habe.

Der NATO-Generalsekretär erinnerte zudem daran, dass die NATO-Partner der USA in Folge der Terrorangriffe auf die Vereinigten Staaten im September 2001 nach Afghanistan gegangen waren. Mehr als Tausend Soldaten hätten den Einsatz mit dem Leben bezahlt, sagte Stoltenberg. Doch auch wenn die USA ihre Truppen reduzieren, will die NATO "ihren Einsatz zur Ausbildung, Beratung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte fortsetzen", so Stoltenberg weiter.

Abzug von rund 2000 Soldaten bis Mitte Januar geplant

Zuvor hatten US-Medien über Abzugspläne Trumps berichtet. Demnach will dieser in den letzten Monaten seiner Amtszeit den von ihm immer wieder versprochenen Abzug von Soldaten aus Afghanistan und dem Irak vorantreiben. Kommandeure bereiteten sich auf einen Befehl vor, die Zahl der Soldaten in Afghanistan bis zum 15. Januar von derzeit rund 4500 auf etwa 2500 zu reduzieren.

Das US-Militär sei am Wochenende über die Pläne unterrichtet worden, hieß es. Derzeit befinden sich noch etwa 4500 bis 5000 Soldaten in Afghanistan und mehr als 3000 im Irak. Die "New York Times" berichtete unter Berufung auf einen Entwurf der Anordnung, dass zusätzlich fast alle der mehr als 700 in Somalia stationierten Soldaten das Land verlassen sollten.

Trumps Ankündigung dürfte auch Auswirkungen auf das Engagement der Bundeswehr haben, die derzeit mit rund 1000 Soldatinnen und Soldaten im Norden stationiert sind.

Viele Posten neu besetzt - mit Gegnern von Auslandseinsätzen

Trump drängt schon seit langer Zeit auf einen Truppenabzug aus Afghanistan. Bereits im Wahlkampf 2016 hatte der Republikaner versprochen, US-Truppen zurückzuholen. Knapp vier Wochen vor der diesjährigen Wahl hatte er überraschend auf Twitter angekündigt, dass die in Afghanistan verbleibenden Soldaten bis Weihnachten zurück in den USA sein sollten.

Zuletzt entließ Trump seinen Verteidigungsminister Mark Esper, der darauf beharrt hatte, vorläufig 4500 US-Soldaten im Land zu lassen. Auch andere Führungsposten wurden mit Leuten besetzt, die seinen Frust über die anhaltende Präsenz von US-Soldaten in Kriegsgebieten teilen. Der kommissarische Pentagon-Chef Christopher Miller deutete dann am Wochenende einen beschleunigten Truppenabzug an: "Es ist jetzt Zeit, nach Hause zu kommen."

Friedensgespräche mit Taliban stocken

Der Krieg in Afghanistan ist der längste in der Geschichte der USA. Seit 2001 sind amerikanische Soldaten in dem Land. Nach den Anschlägen vom 11. September jenes Jahres waren von den USA angeführte Truppen dort einmarschiert. Seit fast zwei Jahrzehnten kämpfen Islamisten in Afghanistan für den Abzug der internationalen Truppen.

Die USA hatten mit den militant-islamistischen Taliban Ende Februar ein Abkommen unterzeichnet, das den schrittweisen Rückzug aller US- und NATO-Streitkräfte bis Ende 2021 in Aussicht stellt. Im Gegenzug verpflichteten sich die Taliban unter anderem zu Friedensgesprächen mit Afghanistans Regierung, die im September aufgenommen wurden. Der Prozess war zuletzt jedoch ins Stocken geraten.

Kritik aus den eigenen Reihen

Führende Republikaner im US-Kongress warnten deshalb vor einem voreiligen Rückzug aus dem Land. "Es gibt keinen Amerikaner, der sich nicht wünscht, dass der Krieg in Afghanistan gegen Terroristen und ihre Helfer bereits endgültig gewonnen wäre", erklärte der Mehrheitsführer im US-Senat, Mitch McConnell. "Aber das ändert nichts an der eigentlichen Entscheidung, die vor uns liegt." Ein rascher Abzug der US-Streitkräfte "würde unseren Verbündeten schaden und den Menschen gefallen, die uns Unheil wünschen."

Der republikanische Abgeordnete Michael McCaul warnte, ein "übereilter US-Abzug" würde nicht nur die Verhandlungsposition der afghanischen Regierung schwächen, sondern auch den Anti-Terror-Interessen der USA schaden.

Trump will "Amerikas ewige Kriege beenden"
Torsten Teichmann, ARD Washington
17.11.2020 09:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. November 2020 um 14:00 Uhr.

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