Eine Frau, die vor einer Statue mit Mundschutz steht und selber einen trägt, heißt die Besatzung eines Kreuzfahrtschiffs mit der Nationalflagge in Uruguay willkommen. | Bildquelle: dpa

Corona-Pandemie In Uruguay von Krise keine Spur

Stand: 07.09.2020 06:40 Uhr

Als einziger Staat Lateinamerikas hat Uruguay die Corona-Pandemie so gut wie problemlos bewältigt. Das Land nimmt nicht zum ersten Mal eine Vorreiterrolle ein - und die kommt nicht von ungefähr.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Mehr als rund 700 Kilometer erstreckt sich die Grenze zwischen Uruguay und Brasilien. Der Kontrast zwischen beiden Seiten könnte derzeit kaum größer sein. Während Brasilien die weltweit zweitmeisten Toten in Verbindung mit dem Coronavirus verzeichnet, sind es in Uruguay gerade mal 44 Tote. Nicht pro Tag, sondern insgesamt, seit Beginn der Pandemie. Von den nicht einmal 2000 Infizierten seit März sind die meisten wieder genesen. Uruguay hat es - fast wie durch ein Wunder - geschafft, die Corona-Krise problemlos zu bewältigen.

Dabei musste Präsident Luis Lacalle Pou zu keinem Zeitpunkt harte Quarantäne-Maßnahmen erlassen. Zwar wurden im März die Grenzen dicht gemacht, der Gesundheitsnotstand verhängt und vorübergehend die Schulen geschlossen, doch einer Ausgangssperre erteilte der Konservative Lacalle Pou eine Absage. Diese galt in Ländern wie Argentinien und Peru mehr als vier Monate lang ohne Ausnahmen. Dennoch steigen dort derzeit die Corona-Zahlen. Peru ist weltweit sogar der Flächenstaat mit der höchsten Sterblichkeit.

Eine Schulklasse in Montevideo: Die meisten Schüler und die Lehrkraft tragen Stoffmasken, alle sitzen an Einzeltischen. | Bildquelle: AP
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Eine Schulklasse in Montevideo: Die Schulen waren in Uruguay von März an nur vorübergehend geschlossen.

Kaum Slums, kaum informell beschäftigte Quarantänebrecher

Was in Uruguay den Unterschied ausmacht, kann man schon bei der Fahrt durch den kleinen Agrarstaat sehen: Es gibt nur wenige der dicht besiedelten Elendssiedlungen, die im Nachbarland Brasilien an Straßenrändern allgegenwärtig sind. Dort, wo man sie antrifft, kommt fließendes Wasser aus der Leitung - keine Selbstverständlichkeit in Lateinamerika und in der Pandemie ein entscheidender Faktor bei der Bewältigung der Krise und der Einhaltung der Hygienemaßnahmen.

Generell ist Uruguay mit seinen 3,5 Millionen Einwohnern dünn besiedelt. Und es hat im Vergleich zu den meisten Ländern der Region relativ wenige informell Beschäftigte. Das macht den Unterschied aus zu Staaten wie Peru, Chile oder Brasilien, wo sich viele Menschen eine freiwillige Quarantäne schlicht nicht leisten konnten, weil sie auf ihren täglichen Verdienst angewiesen sind.

Robustes Gesundheitswesen - und ein niedrigeres Sozialgefälle

Dazu kommt, dass Uruguays linke Vorgänger-Regierungen mehr als 15 Jahre lang in den Sozialstaat investiert hatten, ohne dabei wie Argentinien in eine Schuldenfalle zu geraten. Uruguay zeichnet sich innerhalb Lateinamerikas durch ein höheres Bildungsniveau, ein niedrigeres soziales Gefälle und ein robustes Gesundheitswesen aus, für das der uruguayische Staat bereit ist, mehr Geld in die Hand zu nehmen als andere Staaten der Region. Bei den Gesundheitsausgaben pro Kopf liegt Uruguay in Südamerika mit Abstand an der Spitze.

Auch die Wissenschaft wurde strukturell gestärkt - und nicht kaputtgespart, wie es derzeit in Brasilien der Fall ist. Als das Virus Uruguay im März erreichte, entwickelte eine Gruppe von Forschern am Institut Pasteur die ersten Tests. Die Regierung konnte auf einen wissenschaftlichen Beraterstab zurückgreifen, dank dem kurze Zeit später flächendeckend Tests zur Verfügung standen. Dazu wurden die Infektionswege von Anfang an nachverfolgt. Ein Vorgehen, das in Brasilien oder Peru kaum stattfand.

Selbst Opernaufführungen finden in Montevideo wieder statt: Gäste sitzen im Saal und warten auf einen Auftritt des Nationalchors. | Bildquelle: AFP
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Selbst Opernaufführungen finden in Montevideo wieder statt: Gäste sitzen im Saal und warten auf einen Auftritt des Nationalchors.

Politische Stabilität, die in der Region ihresgleichen sucht

Uruguay ist nicht zum ersten Mal der Vorreiter in Lateinamerika: Das Land war zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer der ersten laizistischen Staaten der Region. Das Wahlrecht für Frauen wurde damals eingeführt. Während Brasilien und Argentinien derzeit heftig über das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche debattieren, haben die Uruguayer diese längst verbindlich im Gesetz verankert. Uruguay war zudem das erste Land, das Marihuana legalisiert und reguliert hat - eine Maßnahme, die in der Gesellschaft weitgehend akzeptiert wird.

Uruguays Präsident Luis Lacalle Pou kam am 1. März ins Amt. In Zeiten des sich rasch ausbreitenden Coronavirus wechselte in Uruguay die Regierung sang- und klanglos. | Bildquelle: Federico Anfitti/EPA-EFE/Shutter
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Uruguays Präsident Luis Lacalle Pou kam am 1. März ins Amt. In Zeiten des sich rasch ausbreitenden Coronavirus wechselte in Uruguay die Regierung sang- und klanglos.

Diese politische Stabilität sucht in der Region ihresgleichen. Während sich die gesellschaftlichen Gräben in Brasilien oder Chile gerade massiv vertiefen, gelang ein paar Wochen vor der Pandemie der Machtwechsel - nach 15 Jahren Mitte-links Regierung hin zu Lacalle Pous wirtschaftsliberaler Koalition - fast reibungslos. Der neue Präsident rief einen Corona-Hilfsfonds ins Leben, der auch durch einen substanziellen Gehaltsverzicht des Präsidenten, seiner Minister und gutverdienender Beamter finanziert wurde. Das half einkommensschwachen Bürgern und brachte dem Präsidenten Ansehen in der Bevölkerung. In keinem Land des Kontinents gibt es ein derart hohes Grundvertrauen der Bürger in den Staat wie in Uruguay.

So konnte in Uruguay der Schulunterricht längst wieder losgehen. In Argentinien und Bolivien ist derzeit daran kaum zu denken. Auch Einkaufszentren, Parks und Restaurants sind geöffnet - unter anderem deswegen wird die Wirtschaft 2020 wohl deutlich weniger einbrechen als anderswo. Und: Von den Einreisesperren der Europäischen Union war nur ein Land in Südamerika ausgenommen: klar, Uruguay. Kein Wunder.

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