Eine Suppenküche in Uruguay bietet Kindern aus Montevideo Essen während der Corona-Pandemie. | Jaqueline Recalde

Corona-Pandemie in Uruguay "Ungleichheit wird wieder sichtbar"

Stand: 18.01.2021 04:31 Uhr

Erstmals seit 15 Jahren gibt es in Uruguay wieder Suppenküchen. In der Corona-Krise sind viele Einwohner auf Lebensmittelspenden angewiesen. Unterstützung kommt aber nicht vom Staat, sondern von Nachbarn.

Peter Sonnenberg und Verena von Schönfeldt, SWR

Wenn Jaqueline Recalde von zu Hause losfährt, weiß sie noch nicht, mit wie vielen Lebensmittelspenden sie zurückkommen wird. In den sozialen Medien hatte sie vorher Werbung gemacht und getrommelt, damit es sich lohnt. Denn die Menschen sind es in Uruguay nicht mehr gewöhnt, dass andere auf Essensspenden angewiesen sind. Das Land hatte die extreme Armut zuletzt ganz gut in den Griff bekommen - bis Corona kam.

Peter Sonnenberg

Die Spenden, die die 37-jährige Mutter bei Nachbarn abholt, sind für eine der Suppenküchen in Montevideo gedacht, der Hauptstadt des Landes. Recalde arbeitet dort ehrenamtlich. "Seit 15 Jahren gibt es in Uruguay keine "ollas publicas" mehr", sagt sie, keine öffentlichen Töpfe, wie man die Suppenküchen in Uruguay nennt. "Es gibt zwar viele Menschen, die inoffizielle Jobs haben und nicht als berufstätig registriert sind, aber eigentlich kommen trotzdem alle ohne Hilfe zurecht", sagt Recalde.

Von heute auf morgen arbeitslos

Doch das hat sich im vorigen Jahr geändert. Recalde selbst hatte im März ihre Arbeit verloren. 17 Jahre lang hatte sie in einem Restaurant gearbeitet. Als die Pandemie begann und Uruguay lange Zeit mit sehr niedrigen Corona-Fallzahlen als gutes Beispiel in Lateinamerika galt, schlossen die meisten Gastronomiebetriebe. Recalde und alle ihre Kolleginnen und Kollegen wurden von einem auf den anderen Tag entlassen. Deshalb arbeitet sie nicht nur für die Essensausgabe, sondern profitiert auch von ihr.

Zuhause hat sie einen zehnjährigen Sohn - und seit sie ohne festes Einkommen dasteht, ist es nicht einfacher geworden in ihrer kleinen Wohnung im Stadtteil "La Union". Jeden Tag hat eine andere Suppenküche geöffnet. Die Wege dorthin sind teils sehr weit von ihrer Wohnung entfernt. Aber wenn sie spricht hört man deutlich, dass sie stolz ist, helfen zu können. Mit ihr arbeiten fünf bis sieben andere Ehrenamtliche, damit die Familien im Viertel versorgt werden können. Vor allem Ältere, aber auch alleinerziehende Mütter und Kinder packen mit an, oft sind es ganze Familien.

Ehrenamtliche einer Suppenküche in Uruguay während der Corona-Pandemie. |

Seit Beginn der Corona-Pandemie gibt es in Uruguay wieder Suppenküchen. Jaqueline Recalde - im rosafarbenen T-Shirt - bittet täglich um Spenden.

Vom Corona-Vorbild zum Sorgenkind

Vom Ausbruch der Pandemie im Frühjahr 2020 bis in den November hinein war Uruguay das Land, das in ganz Lateinamerika am wenigsten betroffen war. Die Fallzahlen blieben niedrig; bis Juli hatten sich gerade mal 1000 Menschen mit dem Virus angesteckt, 30 waren gestorben. Denn die Regierung hatte schnell reagiert.

Seit dem ersten Corona-Fall gab Kontaktregeln und Tests im Land. Der Gesundheitsnotstand wurde ausgerufen und die Menschen blieben freiwillig - auch ohne offizielle Ausgangssperre - Zuhause. Präsident Luis Lacalle Pou kürzte sich selbst und seinen Ministern die Gehälter und unterstützte einen Hilfsfonds für alle, die in Not geraten waren. Denn Uruguays wichtigste Einnahmequelle ist der Tourismus - und der brach durch die Pandemie nach und nach zusammen.

Dem Tourismus-Land fehlen die Touristen

Nun ist Sommer auf der Südhalbkugel, Touristenzeit in Uruguay. Im Küstenort Punta del Este - von den Einheimischen auch das "Monaco Lateinamerikas" genannt - ist eigentlich Hochsaison. Doch die Gäste bleiben aus. "Zwar ist der Binnentourismus um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen", sagt der Fotograf Marcelo Umpierrez. "Aber es fehlen 300.000 Besucher aus Argentinien und Brasilien und natürlich die Gäste aus Europa."

Die Grenzen zu den Nachbarländern sind geschlossen. Und die einheimischen Touristen kämen vor allem an den Wochenenden, das decke bei Weitem die Kosten nicht. Denn Uruguay ist zwar halb so groß wie Deutschland - hat aber nur 3,5 Millionen Einwohner. Viele Hotels haben für Ende Januar daher angekündigt, ganz zu schließen. Wenige öffnen nur dann noch an den Wochenenden. "Unsere Wirtschaft ist sehr vom Tourismus abhängig", sagt Umpierrez. "In der Corona-Krise sind sehr viele Menschen gleichzeitig arbeitslos geworden. Die Einkommen der verbliebenen Beschäftigten sind gesunken und die Ungleichheit wird wieder deutlich sichtbar." Der Indikator dafür: die Suppenküchen.

Punt del Este (Archivbild) | imago images/ZUMA Press

Kaum Touristen in Punta del Este: Normalerweise drängen sich die Urlauber an den Stränden des Ferienorts am Rio de la Plata. Nun haben viele Hotels angekündigt, am Monatsende zu schließen. Bild: imago images/ZUMA Press

Wenn es Suppenküchen gibt, geht es dem Land schlecht

"Wir haben zurzeit sehr viele Flüchtlinge aus Venezuela und Kuba in Uruguay", sagt Jaqueline Recalde. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt sei schwierig. "Die haben ganz genau das gleiche Recht wie wir zu arbeiten und ihre Familien zu ernähren. Aber meistens werden sie schlechter bezahlt als Einheimische. Und wenn es auch den Arbeitgebern nicht gut geht, müssen die natürlich auch sparen, wo sie können", sagt sie.

Jedes Mal kämen 180 Menschen zur Essensausgabe, schätzt Recalde. Die meisten von ihnen hätten ihre Arbeit verloren und könnten sich allein nicht mehr versorgen. "Leider bekommen wir von der Politik so gut wie keine Hilfe", sagt Recalde. Alles, was in der Suppenküche über den Tisch geht, seien private Spenden.

Eine Mitarbeiterin einer Suppenküche in Uruguay übergibt Lebensmittelspenden. | Jaqueline Recalde

Bis zu 180 Menschen nutzen die Suppenküche täglich, um notwendige Lebensmittel zu holen. Bild: Jaqueline Recalde

Eine Frau in Montevideo, Uruguay, nimmt Spenden einer Suppenküche entgegen. | Jaqueline Recalde

Viele Menschen in Uruguay verloren durch die Pandemie ihre Jobs und sind nun auf Spenden angewiesen. Bild: Jaqueline Recalde

Steigene Infektionszahlen - und keine Impfungen in Sicht

Seit November steigt die Zahl der Corona-Infizierten dramatisch an. Aktuell zählt das Land mehr als 30.000 Fälle, fast 300 Menschen sind an oder mit dem Virus gestorben. "Auch hier bei uns war irgendwann die Angst der Corona-Müdigkeit gewichen", sagt der Forograf Marcelo Umpierrez. In der Urlaubszeit seien die Menschen freizügiger. Außerdem, ergänzt Jaqueline Recalde, hätten die Malls und Messen wieder aufgemacht. "Ins Prado in Montevideo passen 15.000 Menschen gleichzeitig", sagt sie. Auch waren viele Brasilianer in Bussen und Lastwagen über die Grenze gekommen, als diese noch offen war. Und in Brasilien, sagte Recalde, gebe es kaum eine Corona-Bekämpfung.

Im Moment haben die Krankenhäuser in Uruguay noch Kapazitäten, sagt Recalde. Aber Wirtschafts- und Gesundheitskrise auf einmal, das sei viel für das kleine südamerikanische Land. Jetzt warten die Menschen im Land, wie in vielen anderen Ländern Lateinamerikas, dass es auch in Uruguay bald eine Impfung geben wird. Politiker machen bereits Werbung fürs Impfen - aber wann es damit losgeht, steht noch nicht fest.