Blick auf das AKW Saporischscha | AFP

Krieg in der Ukraine Wie geht es weiter am AKW Saporischschja?

Stand: 06.10.2022 12:40 Uhr

Nachdem Russland angekündigt hat, das ukrainische AKW Saporischschja zu verstaatlichen, wächst die Sorge um die Sicherheit des Kraftwerks. IAEA-Chef Grossi ist heute zu Gesprächen in Kiew. Derweil halten die Angriffe auf die Stadt Saporischschja an.

Die Ukraine kommt bei der Rückeroberung von durch Russland besetzten Gebieten nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj voran. Nachdem sich die russischen Streitkräfte von den Frontlinien im Süden und Osten zurückgezogen hätten, hätten ukrainische Truppen drei weitere Ortschaften im Gebiet Cherson befreit, sagte Selenskyj in seiner täglichen Video-Ansprache: Nowowoskresenske, Nowohryhoriwka und Petropawliwka.

Derweil halten die Angriffe auf die ukrainische Stadt Saporischschja an. Nach ukrainischen Angaben schlugen am frühen Morgen sieben russische Raketen in Wohnhäuser ein. Zwei Menschen seien getötet worden, mindestens fünf seien noch in den Trümmern eingeschlossen, sagte der Gouverneur der Region, Oleksandr Staruch. Aus den mehrstöckigen Gebäuden seien viele Menschen gerettet worden. Die Behörden meldeten am späten Vormittag einen weiteren Raketenangriff, machten aber keine unmittelbaren Angaben zu Opfern oder Schäden.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/4.10.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/4.10.2022

AKW Saporischschja verstaatlicht

Russlands Präsident Putin hatte zuvor die Annexion der ukrainischen Gebiete Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja verwaltungstechnisch fortgesetzt. Nachdem er zunächst am Mittwoch die Ratifizierung der Annexion per Unterschrift abgesegnet hatte, beauftragte er anschließend die Regierung in Moskau, das von russischen Truppen besetzte ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja zu verstaatlichen. "Die Regierung ist angewiesen zu gewährleisten, dass Objekte zur Nutzung von Atomenergie des Kernkraftwerks Saporischschja und anderes für dessen Funktion notwendiges Eigentum in den staatlichen Besitz übernommen werden", hieß es in dem am Mittwoch veröffentlichten Dekret.

Das AKW Saporischschja ist das größte Kernkraftwerk in Europa. Russland kontrolliert das AKW faktisch seit Anfang März, als Moskaus Truppen im Zuge des Angriffskriegs große Teile der Südukraine besetzten. Bislang stellten allerdings ukrainische Techniker den Betrieb des AKW sicher.

Das Kraftwerk ist in den vergangenen Monaten bei schweren Kämpfen mehrfach unter Beschuss geraten und musste auch heruntergefahren werden. Die Ukraine und Russland geben sich gegenseitig die Schuld für die Beschädigungen. Der Beschuss hat international Sorgen vor einer atomaren Katastrophe ausgelöst.

Ukraine: Enerhoatom-Präsident leitet AKW

Trotz der russischen Ankündigung hatte der Chef des ukrainischen Atomenergieunternehmens Enerhoatom, Petro Kotin, erklärt, er werde die Leitung des Atomkraftwerks übernehmen. Kotin sagte, er werde das AKW von Kiew aus leiten. Die ukrainische Belegschaft arbeitet weiter unter russischer Aufsicht in der Anlage, deren letzter Reaktor im September heruntergefahren wurde.

Grossi fordert nukleare Sicherheitszone um das AKW

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, wird heute zu Gesprächen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew erwartet. "Der Bedarf für eine nukleare Sicherheitszone um das Atomkraftwerk Saporischschja ist dringender denn je", schrieb Grossi am Mittwochabend vor seiner Abreise nach Kiew beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Anschließend will der IAEA-Chef auch Moskau einen Besuch abstatten. Grossi hatte angekündigt, im Laufe der Woche beide Hauptstädte zu bereisen, um das Problem der Atomsicherheit - speziell die Risiken rund um das umkämpfte Atomkraftwerk Saporischschja - zu besprechen.

Berichte über Folter von AKW-Mitarbeitern

Unterdessen berichteten Mitarbeiter des AKW Saporischschja von Entführungen und Folter durch die russischen Besatzer. Diese hätten stetig versucht, die Beschäftigten durch Schläge und andere Misshandlungen einzuschüchtern, um sie dazu zu bringen, das Kraftwerk am Laufen zu halten - oder auch, um jene zu bestrafen, die ihre Unterstützung für Kiew ausgedrückt hatten.

Ungefähr 4000 AKW-Arbeiter flohen seit der russischen Invasion. Jene, die blieben, erzählen von ihrer Bedrohung durch Entführungen und Folter. Untermauert wurden diese Darstellungen durch einen Vorfall am vergangenen Freitag: Russische Kräfte sollen den Betriebschef der Anlage, Ihor Muraschow, auf dessen Heimweg von der Arbeit verschleppt haben. Am Montag ließen sie ihn offenbar frei - nachdem er gezwungen worden war, vor laufender Kamera falsche Erklärungen abzugeben, wie Enerhoatom-Chef Kotin sagt. "Ich würde das als mentale Folter bezeichnen", sagte er der Nachrichtenagentur AP. "Er musste erklären, dass der Beschuss des Atomkraftwerks Saporischschja von ukrainischen Kräften unternommen wurde und dass er ein ukrainischer Spion ist... in Kontakt mit den ukrainischen Spezialkräften."

Bürgermeister: Mehr als 1000 Menschen entführt

Insgesamt seien mehr als 1000 Menschen, darunter AKW-Beschäftigte, aus der Stadt Enohodar entführt worden, schätzt Bürgermeister Orlow, der nach Saporischschja - der nächstgelegenen Stadt unter ukrainischer Kontrolle - flüchtete, nachdem er sich geweigert hatte, mit den Russen zu kooperieren. Kotin vermutet, dass 100 bis 200 Menschen weiter festgehalten würden.

Bürgermeister Orlow wirft den Russen vor, Entführte an verschiedenen Orten in Enerhodar gefoltert zu haben, unter anderem auch in der Polizeistation der Stadt, in Kellern und im Atomkraftwerk. "Schreckliche Dinge spielen sich da ab. Leute, die es schafften, da herauszukommen, sagen, dass es Folter mit Stromschlägen, Schlägen, Vergewaltigungen, Schüssen gab." Manche hätten nicht überlebt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 06. Oktober 2022 um 07:09 Uhr.