Polizisten bei einem ausgebrannten Auto in Dijon | Bildquelle: dpa

Frankreich Schwere Unruhen erschüttern Dijon

Stand: 17.06.2020 18:45 Uhr

Tagelang ist es in einem Vorort der Stadt Dijon zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Die Männer waren zum Teil extra angereist, um sich Kämpfe zu liefern. Der Druck auf die französische Regierung wächst.

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

Die sozialen Netzwerke laufen heiß in diesen Tagen. Auf verwackelten Handyvideos ist zu sehen, wie junge Männer ein Auto angreifen, das sich dann überschlägt. Oder vermummte Jugendliche, die mit Gewehren um sich schießen und mit Eisenstangen oder Baseballschlägern drohen.

Mehrere Tage tobte in Les Grésilles, einem Vorort der burgundischen Hauptstadt Dijon, ein Bandenkrieg - zwischen vielleicht 150 bis 200 Tschetschenen, die von außerhalb, ja sogar aus dem Ausland herbeigeeilt waren, und ortsansässigen Jugendlichen mit nordafrikanischen Wurzeln. Die tschetschenischen Schlägertrupps starteten einen Rachefeldzug, nachdem einer der ihren von lokalen Drogenhändlern misshandelt worden war.

Die Bewohner des Viertels wurden in Angst und Schrecken versetzt. "Wir wollen keine Waffen in unserem Viertel", sagte ein Bewohner dem Radiosender Europe 1. "Wir hätten gewollt, dass die Polizei der Republik hier ihre Arbeit macht."

"Was passiert ist, ist unerträglich"

Die Polizei steht in der Kritik, sie habe zu lange gezögert mit dem Eingreifen. Innenminister Christophe Castaner wies das zurück: "Es gab keinerlei Vorwarnung, dass eine solche Horde von Wilden nach Dijon kommen würde", sagte er. Trotzdem hätten die Ordnungskräfte einzugreifen versucht, seien aber in der Unterzahl gewesen.

"Ich habe dann die Entsendung von 200 Spezialeinsatzkräften angeordnet, die so lange vor Ort bleiben werden wie erforderlich", so Castaner. "In der vergangenen Nacht hat sich die Lage ja auch beruhigt. Ich verstehe die Emotionen, ich teile sie. Was passiert ist, ist unerträglich. Wir werden überall in Frankreich solche Gangsterpraktiken bekämpfen."

Feuer und Rauch sind nach schweren Unruhen in Dijon zu sehen | Bildquelle: JIM CANNOLO via REUTERS
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Autos brennen aus, Rauch zieht durch die Straßen: In Dijon sind die Folgen der Unruhen zu sehen.

"Die Probleme der Banlieue sind ungelöst"

Der Innenminister versucht also, Entschlossenheit und Stärke zu zeigen. Die Regierung will auf keinen Fall zulassen, dass sich die Lesart der Opposition von links und rechts durchsetzt.

Das Land versinke im Chaos, twitterte etwa Marine Le Pen, die Chefin der rechtsextremen nationalen Sammlungsbewegung. Gestern kam sie nach Dijon und zog eine Parallele zwischen Frankreich und dem Libanon: "Alle sollten sich daran erinnern, wie der Libanon, dieses liebliche und friedliche Land, in die Hölle gerissen wurde - durch einen furchtbaren Krieg, den ausländische Gruppen ins Land getragen hatten." Auch in Frankreich tobe ein ethnischer Krieg.

Der Soziologe Michel Wieviorka hält diese Einschätzung für unangemessen. In Dijon habe es sich um eine Auseinandersetzung zwischen kriminellen Banden gehandelt, die Ruhe werde dort wieder einkehren. Ein Indikator für die vielfältigen Probleme Frankreichs seien die Ereignisse dennoch.

"Die Probleme der Banlieue, der Vorstädte mit einem großen Einwanderanteil, sind ungelöst, die soziale Ungleichheit und die politische Krise. Es gibt keine richtige Verständigung zwischen den verschiedenen Akteuren, die Regierung ist schwach. Und so kommt es immer wieder zu Gewaltausbrüchen wie in Dijon."

Proteste des medizinischen Personals

Besonders unangenehm für die Regierung: Gestern gab es in vielen Städten auch Protestaktionen des medizinischen Personals, die auf eine große Sympathie in der Bevölkerung stoßen. Die Kundgebung in Paris schlug am Ende in Gewalt um, es kam zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei, die von vielen als aggressiv empfunden wird.

"Wenn die Legitimität der Polizei derart geschwächt ist und zugleich die Gewalt der sozialen und politischen Bewegungen immer mehr Zustimmung findet, dann schafft das ein wirklich beunruhigendes Klima", sagt Wieviorka. Und das schwäche die Regierung weiter.

Frankreich geschockt von brutalen Auseinandersetzungen in Dijon
Martin Bohne, ARD Paris
17.06.2020 17:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Juni 2020 um 00:00 Uhr.

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