Flüchtlinge und Migranten auf Lesbos, die aus der Türkei über das Meer gekommen sind. | AFP

UNHCR-Bericht 80 Millionen Menschen auf der Flucht

Stand: 18.06.2020 08:33 Uhr

Noch nie hat es weltweit mehr Flüchtlinge gegeben als im vergangenen Jahr: Laut den Vereinten Nationen mussten fast 80 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen. Die Corona-Krise dürfte die Lage weiter verschärfen.

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Studio Zürich

Als dramatisch und alarmierend hat UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi den Bericht bezeichnet, der die Lage im vergangenen Jahr beleuchtet. Demnach verließ 2019 etwa ein Prozent der Weltbevölkerung wegen Diskriminierung, Gewalt oder Konflikten die Heimat. Insgesamt waren laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht.

Dietrich Karl Mäurer ARD-Studio Zürich
UNHCR-Flüchtlingsbericht

"68 Prozent dieser Menschen kommen aus fünf Ländern, nur fünf: Syrien, Venezuela, Afghanistan, Südsudan und Myanmar", erklärte Grandi. "Sie wissen, was das bedeutet. Wenn die Krisen in diesen Ländern beendet werden würden, wären vermutlich 68 Prozent der weltweiten Vertreibung auf dem Weg einer Lösung."

Doch statt dass Konflikte gelöst wurden, kamen 2019 neue dazu. Auseinandersetzungen in der Demokratischen Republik Kongo oder in der Sahel-Region sorgten für einen Anstieg der Vertriebenenzahlen.

Weniger Flüchtlinge können zurückkehren

Eine Rückkehr der Geflüchteten in ihre Heimat wird zudem laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR immer seltener möglich. In den 1990er-Jahren, nach dem Ende des Kalten Kriegs und dem Fall der Berliner Mauer, seien jedes Jahr durchschnittlich 1,5 Millionen Menschen in ihre Heimat zurückgekehrt, sagte Grandi. "Doch in letzter Zeit ist die Zahl der Rückkehrer auf weniger als eine halbe Million pro Jahr gesunken." 

Vor dem UN-Sicherheitsrat will Filippo Grandi heute an dessen Mitglieder appellieren, auf die Konfliktparteien einzuwirken, so dass diese sich dazu bereit erklären, sich um Lösungen für Kriege und Auseinandersetzungen zu bemühen.

UNHCR- Entwicklung im vergangenen Jahrzehnt

Viele flüchteten in die Nähe der Heimat

Der Bericht schlüsselt auch auf, wo die Geflüchteten Zuflucht fanden. Die meisten Vertriebenen - knapp 46 Millionen - sind sogenannte Binnenflüchtlinge, das heißt sie kamen in anderen Regionen des eigenen Landes unter. Der größte Teil derjenigen, die ins Ausland fliehen mussten, bekam Asyl in zumeist armen Nachbarländern. In Europa waren weniger als zehn Prozent derjenigen, die ins Ausland geflohen waren. Mit 1,1 Millionen Flüchtlingen war Deutschland nach der Türkei, Kolumbien, Pakistan und Uganda das fünftwichtigste Aufnahmeland.

Der aus Italien stammende Diplomat Grandi kann nicht verstehen, dass sich die EU-Staaten angesichts der dramatischen Situation bislang nicht über den Umgang mit Geflüchteten verständigen konnten. "Als Europäer ist es mir zutiefst peinlich und ich bin beschämt, dass die Europäische Union nicht in der Lage war, sich auf so relativ einfache Verpflichtungen zu einigen, wie die Teilung der Verantwortung für Asylbewerber oder für Menschen, die auf dem Kontinent Zuflucht suchen", sagte er.

UNHCR-Flüchtlingsbericht 2019 | ARD aktuell

Bild: ARD aktuell

Sorge um Folgen der Corona-Krise

Obwohl der Weltflüchtlingsbericht die Situation im Jahr 2019 beleuchtet, also die Lage vor dem Ausbruch des Coronavirus, äußerte sich Grandi zu den Auswirkungen der Pandemie auf die Flüchtlinge. "Wir waren sehr beunruhigt über die Flüchtlingslager, aber wir haben bisher keine größeren Ausbrüche erlebt."

Doch der Erleichterung darüber stehe die Sorge gegenüber, dass sich im Zuge von Lockdowns und anderen Schutzmaßnahmen die ohnehin schlechte Lage vieler geflüchteter Menschen weiter verschärfen könnte. Grandi sieht vor allem die Arbeitsplatzverluste durch die Corona-Krise als Treiber weiterer Flucht und Migration: "Ich habe keinen Zweifel, dass die wachsende Armut und der Mangel an Lösungen sowie die Fortsetzung von Konflikten zu mehr Bevölkerungsbewegungen führen wird, in den Regionen und darüber hinaus, nach Europa etwa."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Juni 2020 um 12:00 Uhr.

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