György Mészáros und sein Sohn David.
Reportage

LGBTQ in Ungarn "Wir wollen sichtbar sein"

Stand: 15.12.2020 05:05 Uhr

Ungarns Parlament stimmt heute über eine Verfassungsreform ab, nach der nur noch Hetero-Paare als Eltern anerkannt werden sollen. Das stößt nicht nur bei Regenbogenfamilien im Land auf Unmut.

Von Nikolaus Neumaier, ARD-Studio Wien

Eine Grundschule im 15. Bezirk von Budapest am Nachmittag: György Mészáros ist unterwegs, um seinen Sohn David abzuholen. David ist sieben Jahre alt und ein Roma. Mészáros, 46 Jahre alt, ist sein Adoptiv-Vater. David spielt gerne Fussball. Nach der Schule gehen die beiden darum noch auf den nahen Spielplatz.

Nikolaus Neumaier ARD-Studio Wien

György Mészáros ist Professor für Erziehungswissenschaften, er unterrichtet an der größten Universität des Landes. Er ist homosexuell und lebt zur Zeit ohne Partner. Vor drei Jahren hat er David adoptiert. Sein Leben als homosexueller Vater ist in Ungarn nicht einfach: "In meinen Kreisen, an dieser Schule, unter meinen Freunden auch an meinem Arbeitsplatz akzeptieren das alle", erzählt er. "Aber es gibt eine konservative Gesellschaft, die viel weniger offen gegenüber uns ist. In der ungarischen Gesellschaft gibt es Homophobie - und das Problem ist, dass die Homophobie politisch angefeuert wird."

Regierung will konservatives Familienbild festschreiben

Für die ungarische Regierung von Viktor Orbán passt jemand wie György Mészáros nicht in ihr Familienbild. So wird in der Verfassung jetzt festgeschrieben, dass ein Vater immer ein Mann und eine Mutter immer eine Frau ist. Wollen Alleinerziehende adoptieren, brauchen sie künftig die Zustimmung des Familienministers.

Auch die Geschlechtsangabe in den Ausweisdokumenten soll es nicht mehr geben. Laut Gesetz muss das Geschlecht ein Leben lang gelten, das bei der Geburt zugewiesen wurde. Dass es gerade erst einen Sexskandal um einen ehemaligen Europaabgeordneten der Partei Fidesz gegeben hat und darum in EU-Mitgliedstaaten auch über den doppelten Moralbegriff der ungarischen Regierungspartei diskutiert wird, spielt im Land offenbar keine große Rolle.

Im liberalen 13. Bezirk von Budapest wird das Gesetzespaket dagegen kritisch gesehen. "Ich habe mehrere Freundinnen, die sind auf der Liste als Alleinerziehende und warten auf ein Kind", sagt eine junge Frau namens Márta und betont: "Also, ich bin völlig gegen dieses neue Familiengesetz."

Eine andere Frau verweist auf die Waisenhäuser und Heime: Da gebe es eine Menge Kinder, die froh wären, wenn sie jemand liebevoll annehmen würde. Da brauche es nicht unbedingt Vater und Mutter zusammen: "Ich denke, die Hauptsache ist, dass das Kind in Liebe lebt", sagt sie. Auch Gergely, einem jungen Mann, passt nicht, dass die Regierung Familienpolitik mit der Verfassung machen will. Er sagt: "Wegen mir können sie das klassische Familienmodell unterstützten wie sie wollen, aber sie sollen nicht andere Lebensweisen verbieten. Solche Verbote haben nie ein gutes Ende."

Kritik in den Städten, Zustimmung auf dem Land

In der Familienpolitik zeigt sich die ungarische Gesellschaft gespalten. Auf dem Land wohnen die konservativen Wähler, in den Städten eher die Liberalen. Das zeigt sich auch in den Wahlergebnissen: Die Hauptstadt Budapest wird von einem Bürgermeister der Opposition regiert, und so will auch der homosexuelle Adoptivvater und Professor György Mészáros die politische Entwicklung nicht einfach hinnehmen.

Seine regenbogenfarbene Mund-Nasenmaske ist ein Statement für Liberalität und Offenheit. "Die Regierung wünscht, dass wir unsichtbar werden, und das ist es, was wir nicht akzeptieren" sagt er mit Nachdruck. "Wir wollen sichtbar sein, wollen hier sein, ein Statement abgeben, wir wollen uns nicht verstecken." Er wünscht sich mehr Unterstützung von der EU - doch die letzten Beschlüsse aus Brüssel hätten gezeigt, dass Wirtschaft wichtiger sei als Menschenrechte.

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk Kultur am 12. November 2020 um 17:53 Uhr und Deutschlandfunk am 02. Dezember 2020 um 09:25 Uhr.

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Moderation 15.12.2020 • 14:49 Uhr

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