Eine alte Frau schiebt einen Karren mit ihrem Besitz durch Volnovakha in Donezk. | REUTERS

UNDP zur Lage in der Ukraine Auf den Krieg folgt die Armut

Stand: 16.03.2022 08:14 Uhr

Das UN-Entwicklungsprogramm leistet humanitäre Hilfe in der Ukraine. Doch neben der akuten Not müssten auch die langfristigen Folgen des Krieges bekämpft werden - vor allem eine massenhafte Armut.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Seit Wochen bestimmt der Krieg gegen die Ukraine die Schlagzeilen - Bombenangriffe, Tote, Flüchtlinge. Doch welche langfristigen Folgen hat der Konflikt für das Land und die Menschen?

Peter Mücke ARD-Studio New York

Mit dieser Frage hat sich in den vergangenen Tagen das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) beschäftigt. Der Bericht, den das Gremium dazu nun veröffentlicht hat, sei erst einmal "ein Versuch", bei dem in "verschiedenen Szenarien" eingeschätzt werde, wie viele Menschen infolge des Krieges "unter die Armutsgrenze fallen", sagt UNDP-Chef Achim Steiner im Interview mit dem ARD-Studio New York. Und die Zahlen seien "extrem ernüchternd". Steiner warnt:

Wenn dieser Konflikt weitergeht, könnte im Laufe des nächsten Jahres eine Situation entstehen, wo bis zu 90 Prozent der ukrainischen Bevölkerung unter die Armutsgrenze fallen.

Wirtschaft in der Ukraine muss stabilisiert werden

Fast drei Millionen Menschen sind bereits aus dem Land geflohen, hinzu kommen bis zu zwei Millionen Binnenflüchtlinge. "Das sind natürlich Zahlen, die uns erst einmal erschrecken und uns vor allem auch daran erinnern, dass in diesem Krieg zum einen die akute Not im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen muss, zum anderen müssen wir aber auch überlegen, wie wir die Wirtschaft stabilisieren und mit kurzfristigen Maßnahmen verhindern können, dass Millionen Menschen unter die Armutsgrenze fallen", fordert Steiner.

Schon jetzt hat die Hälfte der Gewerbebetriebe in der Ukraine schließen müssen. Die andere Hälfte kann nur noch eingeschränkt arbeiten. Der internationale Währungsfonds geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt um 35 Prozent schrumpfen wird. Das heißt: Viele Menschen in der Ukraine müssen von ihrem Ersparten leben - und das bei knapper Versorgungslage.

Daher versuche die UNDP neben der humanitären Hilfe die Ukraine dabei zu unterstützen, "die Kernfunktionen des Staates zu erhalten", so Steiner.

Eine Herausforderung: Die Versorgung mit Bargeld

Dabei zahlt es sich aus, dass das UN-Entwicklungsprogramm schon seit Jahren in allen Teilen des Landes engagiert ist - auch jetzt, trotz der Kampfhandlungen. Zusammen mit anderen UN-Organisationen hat UNDP ein sogenanntes Cash-Programm entwickelt, das die Menschen in besonders betroffenen Regionen der Ukraine kurzfristig mit Geld versorgen soll.

Schon umgerechnet drei Euro pro Tag "könnten bei 2,6 Millionen Menschen zumindest das kurzfristige Überleben in dieser Situation sichern", führt Steiner aus. Doch schon dieser Betrag bei der Verteilung von Cash-Zahlungen würde pro Monat 250 Millionen Dollar an Kosten bedeuten.

Guterres warnt vor "Hurrikan des Hungers"

Doch die Folgen des Krieges in der Ukraine sind längst nicht auf das Land oder die Region beschränkt. Weltweit müssen Menschen mehr für ihre Grundnahrungsmittel bezahlen. Russland und die Ukraine produzieren etwa 30 Prozent des weltweiten Weizens. Viele der ärmsten Länder der Erde sind auf diese Getreide-Importe angewiesen.

UN-Generalsekretär António Guterres warnt bereits vor einem "Hurrikan des Hungers" - und UNDP-Chef Steiner vor einer Schuldenkrise, vor allem in Entwicklungsländern. "Viele vergessen, dass wir noch immer in einer Pandemie stecken, die mit ihren sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen vor allem in den Entwicklungländern zu Notlagen führt."

Dieser Beitrag lief am 16. März 2022 um 05:18 Uhr auf Deutschlandfunk Kultur.