Filippo Grandi. | Bildquelle: REUTERS

UN-Hochkommissar Grandi Debatte um Flüchtlinge ist "vergiftet"

Stand: 10.04.2019 04:49 Uhr

Filippo Grandi, der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, hat den Ton in der Debatte um Asylsuchende deutlich kritisiert. Gleichzeitig dankte er aber auch Deutschland.

Von Kai Clement, ARD-Studio New York

Filippo Grandi ist ein gestikulierfreudiger Italiener. Aber dass der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge so häufig wie versehentlich gegen das Mikrofon auf seinem Tisch schlägt, das liegt auch daran, dass er sich so in Rage redet.

"In dreieinhalb Jahrzehnten habe ich noch nie eine solche Toxizität erlebt. So viel Gift. Ob in der Sprache der Politik, in den Medien oder den Sozialen Medien. Und sogar in ganz alltäglichen Debatten rund um dieses Thema."

Dieses Thema: das ist das seine - die Not von Flüchtlingen. Ob ganz aktuell Libyen oder Venezuela, ob seit Jahren Syrien oder der Jemen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Fast 70 Millionen Vertriebene irrten umher, so Grandi. Zum Vergleich: Deutschlands Bevölkerungszahl liegt derzeit bei knapp 83 Millionen.

Grandi in einem Flüchtlingslager im Norden Kenias. | Bildquelle: AP
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Grandi in einem Flüchtlingslager im Norden Kenias.

Eine Krise - aber für wen?

Die allermeisten verließen doch ihre Heimat, weil Krieg und Konflikte sie vertrieben. Ohne diese Krisen würden die Flüchtlingsströme enden, ist der UN-Hochkommissar überzeugt - und damit auch die so genannte Flüchtlingskrise, über die auch Europa so hitzig debattiert.

"Bevor wir beginnen, darüber zu reden, ist es aber doch sinnvoll zu erinnern, für wen das wirklich eine Krise ist. Es ist eine Krise für eine Mutter, die versucht mit ihren Kindern von Gang-Gewalt zu fliehen. Und es ist eine Krise für Regierungen in Ländern mit wenig Mitteln, die jeden Tag ihre Grenzen für Tausende von Flüchtlingen öffnen. Für sie ist es eine Krise!"

Er meint Lateinamerika, und die inzwischen 3,5 Millionen Flüchtlinge aus Venezuela. Er meint Bangladesch als Aufnahmeland für Hundertausende Rohingya-Flüchtlinge. Oder Syriens Nachbarländer wie den Libanon, Jordanien, Türkei oder den Irak.

Kritik an den USA

Die USA passten nicht in dieses Bild. Deren Präsident ist der Meinung, das Land sei voll, könne niemanden mehr aufnehmen. Jonathan Cohen, der amerikanische Vertreter im Sicherheitsrat, gibt sich diplomatischer.

"Die USA wollen denen helfen, die Gründe jenseits ihrer Macht vertriebenen haben. Wir bleiben der größte Spender der Welt für humanitäre Zwecke. Und der globale Pakt für Flüchtlinge ist eine Basis für vorhersehbare Maßnahmen und bessere Lastenteilung der Mitgliedsstaaten."

Interessant - denn noch vergangenen Dezember haben die USA in der UN-Generalversammlung gegen dieses Dokument gestimmt.

Dank an Deutschland

Auch Deutschland passt nicht in Filippo Grandis Bild der Krise. Das Deutschland, das gerade den Vorsitz im Sicherheitsrat inne hat und das Deutschland, dem der Flüchtlingshochkommissar erst einmal dankt.

"Danke an ein Land, das einer der wichtigsten Unterstützer in der Flüchtlingsfrage war und ist - in Ihrem eigenen Land. In Europa und weltweit."

Zugleich richtet Grandi einen Appell an dieses in Flüchtlingsfragen so zerstrittene Europa.

"Dort, wo Menschen zwangsläufig weiter ankommen werden, braucht es ein Aufnahmesystem. Gegründet auf Solidarität. Trotz der schwierigen politischen Situation."

Deutschlands UN-Botschafter Christoph Heusgen dankt Filippo Grandi erst einmal für dessen Einsatz inmitten so schlimmer Zustände.

Heusgen würdigt den auch in Deutschland angegriffenen Flüchtlingspakt - der aber noch ganz am Anfang stehe.

"Der Globale Pakt für Flüchtlinge ist wirklich ein Meilenstein. Geteilte Solidarität oder wie andere gesagt haben: gerechte Lastenteilung und Verantwortung. Aber das muss auch alles erst noch erprobt werden - jetzt geht es um die Umsetzung."

UN-Hochkommissar für Flüchtlinge: Noch nie so vergiftete Debatte zu Flüchtlingen erlebt
Kai Clement, ARD New York
10.04.2019 00:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Fernsehen am 17. Dezember 2018 um 19:30 Uhr.

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