Eine afghanische Familie verlässt nach einem Anschlag in Kabul den Ort des Geschehens. | Bildquelle: AP

UN-Bericht zu Afghanistan Mehr Tote durch Regierungstruppen

Stand: 30.07.2019 12:15 Uhr

Laut einem UN-Bericht ist die Zahl der in Afghanistan getöteten Zivilisten gesunken. Allerdings starben mehr Menschen durch Regierungsoperationen als durch Anschläge der Taliban.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Mehr als 3800 Zivilisten sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres in Afghanistan getötet oder verletzt worden, heißt es im Bericht der Vereinten Nationen über die Mission UNAMA. Das entspreche einem Rückgang von rund 27 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im vergangenen Jahr.

Beunruhigend ist dabei die Feststellung, dass erstmals mehr Zivilisten durch Luftangriffe und andere militärische Einsätze der Regierungstruppen getötet wurden als durch Anschläge und Angriffe der Taliban.

Die Zahl der zivilen Opfer, also die Zahl der Toten und Verletzten durch Taliban und andere Aufständische, sei um 43 Prozent zurückgegangen, heißt es in dem Bericht. Die Zahl der zivilen Opfer, die durch Regierungstruppen verursacht wurden, sei hingegen um 31 Prozent angestiegen.

Berichte über Morde aus Taliban-Gebieten

Das Leiden der Zivilbevölkerung müsse beendet werden, forderte die stellvertretende UN-Generalsekretärin, Amina Mohammed, vor wenigen Tagen, bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates in New York. "Im Jahr 2018 gab es in Afghanistan die höchste Zahl ziviler Opfer seit Beginn unserer Aufzeichnungen im Jahr 2009. Mehr als 100.000 Menschen wurden in den ersten fünf Monaten dieses Jahres durch Kampfhandlungen zu Flüchtlingen. Und das steigert normalerweise das Risiko von sexueller Gewalt. In Bereichen, die von den Taliban kontrolliert werden, gibt es Berichte über Ehrenmorde, Steinigungen und andere Angriffe auf die Rechte von Frauen", sagte sie. "Es muss dringend für Frieden, Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität gesorgt werden."

Frauen und Kinder seien die Hauptleidtragenden des Konfliktes in Afghanistan, heißt es in dem Bericht der UNAMA weiter. Während seit Anfang des Jahres 430 Frauen infolge von Kampfhandlungen oder Anschlägen getötet oder verletzt wurden, dokumentierte die UN-Mission in Afghanistan mehr als 1200 Fälle, in denen Kinder die Opfer waren - davon wurden fast 330 getötet und 880 verletzt.

Gezielte Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser

Die zuständige UN-Vertreterin, Rosemary DiCarlo, forderte alle Konfliktparteien dazu auf, den Schutz der Zivilbevölkerung ernst zu nehmen. "Da die Zivilisten nach wie vor die Hauptleidtragenden sind, brauchen wir dringend eine politische Lösung. Viel zu häufig werden Zivilisten getötet oder verletzt, wenn sie zwischen die Fronten geraten, von explodierenden Sprengkörpern getroffen oder gezielt angegriffen werden", sagte sie. Alle Konfliktparteien seine aufgefordert, Hilfsorganisationen Zugang zu den Konfliktgebieten zu ermöglichen und zwischen Truppen und Zivilisten zu unterscheiden.

Immer wieder komme es zu gezielten Angriffen auf Schulen, stellt der UNAMA-Bericht fest. Die Taliban, aber auch die Terrororganisation "Islamischer Staat", die in Afghanistan aktiv ist, wollen auf diese Weise offenbar westliche Bildung unterbinden. Auch Krankenhäuser würden gezielt angegriffen und zerstört.

Erst im April hätten die Taliban alle Aktivitäten der Weltgesundheitsorganisation WHO und des internationalen Roten Kreuzes in Afghanistan untersagt, wodurch unter anderem alle laufenden Polio-Impfaktionen gestoppt werden mussten. Dabei gehört Afghanistan zu den wenigen Ländern auf der Welt, wo die auch Kinderlähmung genannte Infektionskrankheit auf dem Vormarsch ist.

UN-Bericht über zivile Opfer in Afghanistan
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
30.07.2019 11:35 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. Juli 2019 um 11:43 Uhr.

Darstellung: